Rossfechten bei Talhoffer
Analyse der Rossfechten-Illustrationen in Hans Talhoffers Fechtbüchern

Hans Talhoffer ist die einzige Quelle des 15. Jahrhunderts, die das Rossfechten in einer Serie zusammenhängender, detaillierter Illustrationen dokumentiert. Die Rossfechten-Tafeln in seinen Handschriften — besonders im Ms. Thott.290.2º (1459) — bilden das visuelle Rückgrat der Rossfechten-Überlieferung und ergänzen die textbasierten Glossen von Sigmund Ringeck und dem Danzig-Glossator um eine unverzichtbare bildliche Dimension.
Talhoffers Rossfechten-Tafeln zeigen drei Hauptsituationen, die das gesamte Spektrum des berittenen Kampfes abdecken. Die erste Situation ist der symmetrische Reiterkampf mit Speer: Zwei Berittene reiten mit eingelegter Lanze aufeinander zu — die klassische Ritterszene, wie man sie aus Turnier und Schlacht kennt. Talhoffer zeigt nicht nur den Moment des Aufeinandertreffens, sondern auch das Brechen der Lanze und den dadurch erzwungenen Übergang zum Schwertkampf. Diese Sequenz vermittelt implizit den taktischen Ablauf: Speerattacke, Lanzenbruch, Schwertzug.
Die zweite Situation ist der Schwertkampf zu Ross, bei dem beide Reiter das Lange Schwert einhändig oder beidhändig aus dem Sattel heraus führen. Talhoffers Illustrationen dieser Phase sind dynamischer als die Speer-Szenen: Die Pferde stehen nicht still, sondern bewegen sich umeinander, die Reiter lehnen sich weit aus dem Sattel, um die Distanz zu überbrücken. Eine besonders eindrucksvolle Tafel zeigt, wie ein Reiter einem anderen das Schwert aus der Hand schlägt, während sein Pferd seitlich ausweicht.
Die dritte und spektakulärste Situation ist das Ringen vom Pferd. Talhoffer zeigt, wie ein Reiter den anderen am Arm oder am Harnisch packt und aus dem Sattel zu ziehen versucht. In einigen Szenen haben die Kämpfer ihre Pferde bereits verlassen und ringen am Boden weiter — das Pferd steht im Hintergrund, Zaumzeug lose herabhängend. Diese Bilder machen deutlich, dass das Rossfechten kein isolierter Spezialfall war, sondern nahtlos in den Kampf zu Fuß und das Ringen — Überblick übergehen konnte.
Im Vergleich zu seinen Harnisch-Tafeln sind Talhoffers Rossfechten-Illustrationen weniger zahlreich, aber nicht weniger ausdrucksstark. Sie dokumentieren eine Kampfform, die in den Textquellen nur fragmentarisch belegt ist, und liefern essentielle Informationen über Sattelhaltung, Waffenführung und Pferdebewegung, die aus reinem Text nicht zu rekonstruieren wären.
Quellen
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1467, Cod. icon. 394a, Bayerische Staatsbibliothek, München.
Sekundärliteratur
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
- Wiktenauer — Hans Talhoffer.