Dolch bei Meyer
Joachim Meyers Dolchlehre von 1570

Meyers Dolchlehre im 1570er Druck
Joachim Meyer behandelt den Dolch im fünften und letzten Buch seiner Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen unnd Adelichen kunst des Fechtens (1570). Dieses letzte Buch ist das kürzeste des Gesamtwerks, bildet jedoch den logischen Abschluss der Waffenprogression: Nach Langem Schwert, Dussack, Rappier und Stangenwaffen führt der Dolch den Schüler zur elementarsten Form des Nahkampfs zurück — der Dolch ist die Waffe der kürzesten Distanz und Grenzbereich zum Ringen — Überblick.
Aufbau und Systematik
Meyer strukturiert seine Dolchlehre in drei Hauptkapitel. Das erste Kapitel behandelt den Dolch als Sekundärwaffe — geführt mit der linken Hand, begleitend zum Rappier. Dies ist die historisch jüngste Schicht und reflektiert die Praxis des späten 16. Jahrhunderts, als der Rappier-Dolch-Kampf in Italien und Frankreich bereits elaborierte Formen entwickelt hatte. Meyer entlehnt ausdrücklich von italienischen Meistern, insbesondere Achille Marozzo, und adaptiert deren Techniken in sein deutsches System.
Das zweite Kapitel widmet sich dem Dolch gegen Dolch — dem symmetrischen Zweikampf, der vor allem in Turnier- und Duellsituationen relevant war. Meyer präsentiert hier vier Primärhuten und eine begrenzte Zahl von Stücken: Zorn-Stich, Stich von der Rechten, Umbschlag, Durchwechseln. Die taktische Logik folgt den Prinzipien des Langschwert-Fechtens: Vor Nach Indes, Sprechfenster und Fühlen in der Bindung, Arbeit mit Stark und Schwach.
Das dritte Kapitel beschreibt den Dolch gegen waffenlosen Angreifer und schließt hier explizit an die Ringen — Überblick-Tradition an. Meyer integriert Hebel- und Bruchtechniken — Armstreckhebel, Genickhebel, Schultergriffe — die den Dolch lediglich als Drohmittel nutzen, während die eigentliche Kontrolle über Ringtechniken erfolgt. Dieses Kapitel zeigt Meyer als Kompilator, der Material aus der Auerswaldschen Ringen-Tradition und älteren Quellen synthetisiert.
Stellung in Meyers System
Die Behandlung des Dolches als letztes Buch ist kein Zufall. Der Dolch repräsentiert bei Meyer die Grenzzone zwischen Fechten und Ringen — wer den Dolch beherrscht, den Übergang von der Waffenführung zur Körperkontrolle, der hat den vollständigen Kreis der Fechtkunst durchschritten. In dieser Hinsicht folgt Meyer der mittelalterlichen Tradition, die das Ringen — Überblick stets als integralen Bestandteil des Waffenkampfs verstand (vgl. Durchlaufen (Ringen)). Gleichzeitig markiert sein Dolch-Kapitel den Übergang zum frühneuzeitlichen Duellwesen: Der Rappier-Dolch-Kampf wird im 17. Jahrhundert zur dominanten Form des zivilen Duells und löst das Lange Schwert endgültig ab.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen unnd Adelichen kunst des Fechtens. Straßburg 1570. Buch 5: Dolch.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat: A German Martial Arts Treatise of 1570. Greenhill Books, 2006.
- Dupuis, Olivier: The Dagger of Joachim Meyer. Acta Periodica Duellatorum, 2015.