Sprechfenster und Fühlen
Erkennen und Handeln am gebundenen Schwert

Das Fühlen – im Liechtenauerschen System auch als “Sprechfenster” bezeichnet – ist das Herzstück des gesamten Blossfechtens. Ohne das Fühlen ist das Liechtenauersche System nicht denkbar. Alle Entscheidungen – Haue, Stiche, Winden, Wechseln – werden im Moment der Bindung durch das getroffen, was der Fechter über seine Klinge wahrnimmt.
Liechtenauers Zettel
“Sprechfenster mache / stee freylich besich sein sachen”
Die Forschung übersetzt das “Sprechfenster” wörtlich als ein Fenster, durch das gesprochen" wird – die Klingen “sprechen” zueinander und sagen dem Fechter, was der Gegner vorhat. Der Merkvers befiehlt: Mache das Sprechfenster auf! Das bedeutet: Geh in die Bindung und fühle. Dann “stee freylich” – stehe frei, sei bereit. Und “besich sein sachen” – beobachte, was der Gegner tut, und handle entsprechend.
Definition
Fühlen (auch “Empfinden”) ist die taktile Wahrnehmung des gegnerischen Drucks, der gegnerischen Bewegung und der gegnerischen Absicht über die Klinge in der Bindung. Sobald die Klingen einander berühren, entsteht ein “Gespräch” – der Fechter spürt durch den Kontakt, ob der Gegner hart oder weich ist, ob er drückt oder nachgibt, ob er sich löst oder verharrt, ob er angreifen oder ausweichen will.
Die Qualitäten des Fühlens
Die Quellen unterscheiden zwei Hauptqualitäten:
- Hart: Der Gegner drückt kräftig gegen die eigene Klinge – er ist stark und starr. Die Antwort: Durchwechseln oder Winden am Schwert.
- Weich: Der Gegner gibt dem Druck nach oder hat nur lockeren Kontakt – er ist flexibel aber möglicherweise auf eine Täuschung aus. Die Antwort: Zucken oder Nachstossen.
Diese Unterscheidung ist fundamental. Ohne sie kann der Fechter keine korrekte Entscheidung in der Bindung treffen.
Das Sprechfenster
Das “Sprechfenster” ist der methodische Rahmen für das Fühlen. Es ist der Moment, in dem der Fechter die Klinge des Gegners kontrolliert berührt und – ohne selbst zu handeln – die Information aufnimmt. Der Nürnberger Kodex (Hs. 3227a, fol. 15r) beschreibt dies als einen Zustand des Horchens und Merkens: Der Fechter horcht gewissermassen, was die gegnerische Klinge ihm “sagt”. Erst dann fällt er seine Entscheidung.
Glossen
Ringeck
Ringeck behandelt das Fühlen durchgängig in fast jeder Glosse – es ist das stets wiederkehrende Prinzip. Er lehrt explizit: “vnd als bald du empfindest” (sobald du fühlst) als Einleitung für die Anschlusshandlung. Ohne den Schritt des Fühlens ist bei Ringeck keine einzige der fortgeschrittenen Techniken sinnvoll ausführbar.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
[28v.3] Hie merck eben den text vnd die glos von dem fülñ vnd von dem wort das da Inndes haisset
Text: „Das fülñ lere / Inndes das wort schneidet sere"
Glosa: Merck das fülñ vnd das wort Inndes die gröst vnd die pëst kunst im swert ist vnd wer ein maister des swertz ist oder sein wil vnd kan nicht das fülñ vnd vernÿmpt nicht dar zw das wort Inndes So ist er nicht ein maister wenn er [29r.1] ist ein püffel des swertz Dar vmb soltu die tzwai ding vor allen sachen gar wol lernen das dw si recht verstest
~[29r.2] Hie merck die ler von dem fülñ vnd von dem wort das da haist Inndes
Merck wenn du mit dem zu° vechten zw° Im kumpst vnd einer dem anderñ an das swert pindet So soltu In dem als die swert zw° sammen klitzñ zw° hant fül ob er waich oder hert an gepünden hat vnd als pald dw das emphunden hast So gedenck an das wort Inndes Das ist das dw In dem selbigen emphinden behendlich solt arbaitten am swert so ist er geslagen ee wenn er sein gewar wirt ~
[29r.3] Hie soltu mercken
Das das fülñ vnd das wort Inndes ein dinck ist vnd ains an das ander nicht gesein mag vnd das vernÿm also weñ du Im an sein swert pindest So müstu ze hant mit dem wort Inndes fülñ Aber am swert waich oder
harhert ist vnd wenn dw hast gefült So müstu aber Inndes arbaitten nach der waich vnd nach der hert am swert Also sein sÿ paidew nicht wenn ein dinck vnd das wort Inndes das ist zw° vor aus In allen stucken vnd das vernÿm alsoInndes dupliert / Inndes mutirt
~/ [29v.1] Inndes wechselt durch / Inndes laufft durch / Inndes nÿmpt den schnit / Indes ringet mit / Inndes nÿmpt das swert / Inndes thuet was dein hertz begertInndes das ist ein scharffes wort Do mit alle maister des swertz vorschnÿten werden die das wort nicht wissen noch vernömen Das ist der schlüssel der kunst ~
[36r.2] Hie merck den text vnd die glos von dem sprechfenster
Text: „Sprechfenster mache / Stant freÿleich besich seine sache / Schlach in das er schnabe / Wer sich fur dir zeuchet abe / Ich sag dir fur war / Sich schützet kain man ane var / Hastu ver nomen / zw schlag mag er klein chumen"
Glosa: merck dw hast vor gehört wie dw dich vor dem mann mit dem swert solt schicken In die vier hu°tten dar aus dw vechten solt So soltu auch nw wissen das sprechfenster das ist auch ein hu°t dar Inn dw wol sicher sten magst vnd die hu°t das ist der lang ort der ist die edelst vnd die pëst wer am swert wer do recht dar aus vechten kan der twingt do [36v.1] mit den mann das er sich an seinen danck schlahen müess lassen vnd mag vor dem ort wider
vorzw° slegen noch zw° stichen kömen[36v.2] Inn Das sprechfenster schick dich also
Wenn du mit dem zu° vechten zw ÿm gest mit welichem haw du denn an ÿn kumpst es seÿ vnder oder ein ober haw So lass ÿm den ort albeg lanck mit dem haw ein schiessen zw dem gesicht oder der prust Do mit twingstu In das er dir vor setzen mues oder an das swert pinden vnd wenn er also an gepunden hat so pleib im starck mit der langen schneid auff dem swert vnd stee freyleich vnd besich sein sach was er für pas gegen dir vechten well zeucht er sich zw ruck ab vom swert So volg ÿm nach mit dem ort zw der plöss Oder slecht er vom swert vmb dir zw der anderñ seittñ So pint seinem haw nach Im starck oben ein zu° dem kopf oder wil er sich vom swert nicht abzÿehen noch vmb slahen So arbait mit dem duplirñ oder sünst mit anderñ stucken Darnach als dw emphindest swech vnd sterck ÿm swert
[36v.3] Das Ist ein ander Stant
vnd haist auch das sprechfenster Merck wenn dw mit dem zw fechten schir zw ÿm kömen pist So setz den lincken fues vor vnd halt Im den ort lanck aus den armen gegen dem gesicht oder der prust ee wenn dw Im an das [37r.1] swert pindest vnd ste freÿlich vnd besich was er gegen dir vechten wil haut er dir denn oben lanck ein zw dem kopf So var auf vnd windt mit dem swert gegen seinem haw In den ochsen vnd stich ÿm zu° dem gesicht Oder haut er dir zw dem swert vnd nicht zw dem leib so wechsel durch vnd stich Im zu° der anderñ seittñ lauft er ein vnd ist hoch mit den armen so treib den vnderñ schnit oder lauff ÿm durch mit ringen Ist er nÿder mit den armen so wart der arm~ ringen Also magstu allew stuck aus dem langen ort treibñ
Lew
Jud Lew erhebt das Fühlen zur Meisterfähigkeit schlechthin. In seiner Systematik ist das Fühlen die Voraussetzung für alle Nebenstücke und entscheidet über Erfolg oder Misserfolg jeder Aktion nach der Bindung.
Indes und das Fühlen
Das Fühlen ist untrennbar mit dem Konzept des Vor Nach Indes (des “Inzwischen”) verbunden. Der Moment des Fühlens ist der “Indes” – der Augenblick zwischen der eigenen und der gegnerischen Aktion, in dem der Fechter die Information sammelt und die Entscheidung trifft. Das Fühlen ist also nicht ziellos oder passiv, sondern hochgradig aktiv und zweckgerichtet.
Meyer
Meyer (1570) ersetzt die Terminologie des “Sprechfensters” weitgehend durch praktischere Begriffe, aber das Prinzip bleibt identisch. Bei ihm heisst es einfach “empfinden” oder “merken”. Meyer betont die Geschwindigkeit: Das Fühlen muss augenblicklich geschehen. Zögern im Fühlen ist tödlich. Er lehrt, dass das Fühlen auch ohne tatsächliche Bindung angewandt werden kann – durch Lesen der gegnerischen Bewegung, des Rhythmus und der Körperhaltung.
Bedeutung im System
Das Sprechfenster und das Fühlen sind die Klammer, die das gesamte Liechtenauersche System zusammenhält. Sie erklären, warum die Meisterhaue keine isolierten Tricks sind, sondern Teile eines zusammenhängenden Systems, das sich dynamisch an den Gegner anpasst. Das Fühlen ist die Begründung dafür, dass es nicht reicht, die Techniken zu kennen – man muss sie im richtigen Moment, auf den richtigen Gegner, in der richtigen Situation anwenden können. Der richtige Moment aber erschliesst sich nur durch das Fühlen.
In der Praxis
Das Fühlen ist eine der schwierigsten Fähigkeiten in der HEMA-Praxis. Es erfordert Jahre der Übung. Training: Blinde Bindungsübung – beide Fechter gehen in die Bindung, einer schliesst die Augen und muss spüren, ob der Partner hart oder weich ist, und entsprechend reagieren. Druck-Wechsel-Übungen: Der Partner variiert den Druck in der Bindung, der Übende folgt oder antwortet. Fortgeschrittene Übung: Fechten mit Fokus auf das Fühlen – der Fechter darf nur handeln, nachdem er gefühlt hat. Diese Übungen sind langsam und methodisch; das Ziel ist nicht das schiere Tempo, sondern die Entwicklung von Sensitivität.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 15r-16v
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 6r-8v
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 10v-14r
- Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
- Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Frankfurt a. M. 1993.