Abschneiden
Mit der kurzen Schneide über die Arme schneiden

Das Abschneiden ist eine Technik des Kurzschneidens, bei der die Klinge über die gegnerischen Arme oder das Gehilz geführt wird und schneidend abgleitet. Es gehört zu den sogenannten “Nebenstücken” der Liechtenauer-Tradition und ist eng mit dem Zwerchau verbunden, in dessen Merkvers bereits “schneidt ab” enthalten ist.
Definition
Abschneiden bedeutet, die kurze Schneide über die Arme oder das Gehilz des Gegners zu führen und mit einem ziehenden Schnitt zu verwunden. Anders als beim Hieb, der mit Wucht auftrifft, ist das Abschneiden ein schneidendes Gleiten – die Klinge wird nicht geschlagen, sondern über das Ziel gezogen. Die Verletzung entsteht durch die Schneidebewegung, nicht durch den Aufprall.
Glossen
Ringeck
Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 31r-32r) behandelt das Abschneiden als eine Technik, die aus der Bindung heraus ausgeübt wird: Wenn die Klingen aneinanderliegen und der Gegner mit seinen Armen zu weit nach vorn greift, setzt der Fechter die kurze Schneide auf die gegnerischen Arme und schneidet ab – entweder nach oben (aufs Gehilz) oder nach unten (auf die Arme). Ringeck betont, dass das Abschneiden unmittelbar nach dem Sprechfenster und Fühlen erfolgen muss.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
[34r.3] Hie merck den text vnd die glos von abschneÿden
Text: „Schneid ab die herten / von vnden In paiden gefertten"
Glosa: merck das ist was dw solt treibñ wenn man dir starck oben auff dein swert pintt oder dar auff velt vnd das vernÿm also Wenn du zu° vichtest aus den vnder häwen oder aus den streichen oder ligst gegen Im In der hu°t alber Velt er dir denn mit dem swert [34v.1] auff das dein ee wenn du do mit auff ku~pst So pleib vnden an dem swert vnd heb mit der kurtzen schneid vast vber sich Druckt er denn dein swert vast nyder So streich vnden mit deinem swert
mitan seiner swertz klingen hinder sich ab von seinem swert vnd haw In zw° der anderñ seitten an seinem swert pald wider oben ein zw° < dem maul ~[34v.2] Aber ein anders
Wenn du zw° vichtest mit vnder häwen oder ligst in der hu°t alber Velt er denn mit dem swert auff das dein nahent pey dem gehültz ee wenn du do mit auff chumpst das sein ort zw° deiner rechten seitten auß get So var behendlich auff mit dem knopff vber sein swert vn… langen schneid zw° dem kopf Oder pint er dir auff das swert das sein o… deiner lincken seitten So var mit dem knopf vber sein swert vnd slach In mit der kurtzen schneid zw° dem haupt das haist das schnappen ~
[Marginal note in a different hand:] rechten seyten aus
Lew
Jud Lew ordnet das Abschneiden unter die Nebenstücke und betont den Übergangscharakter: Das Abschneiden ist oft nicht das Ende einer Aktion, sondern das Mittel, um die gegnerische Deckung zu öffnen und eine Folgetechnik anzusetzen.
Meyer
Meyer (1570) erhebt das Abschneiden in den Rang einer selbstständigen Technik. Bei ihm ist das “Abschneiden” ein schneidender Konter, der gegen Hiebe und Stiche gleichermassen wirksam ist. Meyers Abschneiden ist aggressiver und wird oft mit einem Schritt oder Sprung zur Seite kombiniert. Besonders betont er das Abschneiden gegen den Zwerchau und den Schielhau.
Mechanik
Die Mechanik des Abschneidens beruht auf dem Prinzip des ziehenden Schnitts. Anders als beim Stoss-Schnitt (push cut), bei dem die Klinge durch Druck ins Ziel gedrückt wird, wird die Klinge beim Abschneiden über das Ziel gezogen (draw cut). Der Fechter setzt die Schneide an und führt die Klinge mit einer ziehenden Bewegung über die gegnerischen Arme. Die Kraft kommt aus den Schultern und dem gesamten Oberkörper, während die Hände die Klinge führen. Der Winkel der Klinge muss so gewählt sein, dass die Schneide vollflächig aufliegt und nicht verkantet.
Taktische Anwendung
Das Abschneiden wird vor allem in der Nahdistanz und in der Bindung eingesetzt. Es ist eine ergänzende Technik, die die grossen Haue um eine feine, schneidende Komponente erweitert. Taktisch dient das Abschneiden oft dazu, die gegnerischen Arme zu verletzen und damit die Fechtfähigkeit des Gegners zu beeintraechtigen – weniger als tödliches Manöver, sondern als Entwaffnung.
In der Praxis
Das Abschneiden wird im Training oft in Kombination mit Bindungsübungen gelehrt. Übungen: Beide Fechter gehen in die Bindung; der Übende fühlt den Druck und führt die kurze Schneide über die gegnerischen Arme (Partner mit Armschutz!). Fortgeschrittene Übung: Abschneiden aus der Bewegung, als Teil einer flüssigen Sequenz: Binden -> Fühlen -> Abschneiden -> Antreten/Rückzug. Häufiger Fehler: Die Schneide wird nicht gezogen, sondern gestossen (kein echter Schneideffekt); zu starkes Drehen der Klinge (die Schneide verliert den Kontakt).
Quellen
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 23v-24v
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 31r-32r
- Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.