Meyers Nebenstücke

Die Systematisierung der Nebenstücke in Meyers Fechtlehre

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Was sind Nebenstücke?

Der Begriff Nebenstücke bezeichnet im Kontext der deutschen Fechtlehre Techniken, die ergänzend zu den Meisterhauen treten und das taktische Repertoire des Fechters vervollständigen. Während die Meisterhaue primär brechende Angriffe sind — Hiebe, die gegnerische Huten oder Hiebe zerstören —, sind die Nebenstücke situationsabhängige Aktionen, die aus einer Bindung, einer Bewegung oder einer Distanzsituation heraus ausgeführt werden. Sie ergänzen die offensive Logik der Meisterhaue um defensive, ausweichende und nachsetzende Handlungsoptionen.

Joachim Meyer behandelt die Nebenstücke im ersten Buch seiner Gründlichen Beschreibung (1570), Kapitel 10 (“Die Zehen Nebenstück”) und Kapitel 11 (weitere fortgeschrittene Stücke). Seine Darstellung ist — wie sein gesamtes Werk — systematisch und didaktisch aufgebaut: Jedes Nebenstück wird definiert, seine taktische Situation wird erklärt, und es wird anhand eines Stücks (Drill) demonstriert.

Die Nebenstücke bei Meyer

Meyers Kanon der Nebenstücke umfasst — mit charakteristischen Erweiterungen gegenüber Ringeck und Danzig — folgende Haupttechniken:

Überlaufen

Das Überlaufen ist die Aktion, bei der der Fechter den gegnerischen Angriff durch einen schnelleren, kürzeren Hau überholt und den Gegner trifft, bevor dessen Klinge das Ziel erreicht. Meyer betont den Zeitpunkt: Das Überlaufen muss im Moment der gegnerischen Ausholbewegung erfolgen, wenn die Klinge des Gegners am weitesten vom Ziel entfernt ist. Er verbindet das Überlaufen mit den verstohlenen Hauen: Ein kurzer, aus dem Handgelenk geschlagener Hau überläuft einen weit ausholenden Gegner zuverlässig.

Abschneiden

Das Abschneiden bezeichnet bei Meyer das Abfangen der gegnerischen Klinge im Moment des Hiebs mit einem Schnitt — die eigene vordere Hand wird dabei schützend eingedreht, während die Klinge den gegnerischen Hau schneidend abfängt und gleichzeitig eine Bedrohung aufbaut. Meyer lehrt das Abschneiden als eine sichere, defensive Technik, die in eine offensive Fortsetzung übergeht.

Durchwechseln

Das Durchwechseln ist die Technik, mit der eigenen Klinge unter der gegnerischen Klinge hindurchzuwechseln, wenn der Gegner stark bindet oder versetzt. Meyer behandelt das Durchwechseln nicht nur als rein technisches Manöver, sondern als taktische Entscheidung: Der Fechter muss fühlen, ob der Gegner hart oder weich ist, und im Moment der harten Bindung Indes durchwechseln. Bei Meyer ist das Durchwechseln zudem eine Täuschungstechnik — es kann angetäuscht werden, um den Gegner zu einer Reaktion zu zwingen.

Weitere Nebenstücke

Zu Meyers weiteren Nebenstücken zählen:

  • Absetzen: Der gegnerische Hau oder Stich wird mit der eigenen Klinge abgefangen und der eigene Ort wird gleichzeitig in die gegnerische Blöße geführt. Meyer betont die simultane Doppelfunktion: Abwehr und Angriff in einem Moment.
  • Nachreisen: Das Verfolgen des Gegners nach einem misslungenen oder abgebrochenen Angriff. Meyer lehrt das Nachreisen als Mittel, den Gegner unter Druck zu setzen, während er sich neu zu organisieren versucht.
  • Zucken: Ein kurzes Zurückziehen und Wiedervorbringen der Klinge zur Täuschung des Gegners. Zucken kann in jeden Hau oder Stich eingebaut werden und dient dazu, den Gegner in die falsche Deckung zu locken.
  • Henddrucken: Das Niederdrücken der gegnerischen Hand oder Waffe mit der eigenen Klinge oder dem Gehilz — eine Nahkampftechnik, die in die Körperkontrolle übergeht.
  • Sperren: Das Blockieren des gegnerischen Arms oder der gegnerischen Klinge mit dem eigenen Gehilz oder Körper zur Vorbereitung eines eigenen Angriffs.

Wie Meyer die Nebenstücke systematisiert

Meyers Systematisierung der Nebenstücke folgt einer inneren Logik, die sich von der der mittelalterlichen Glossatoren unterscheidet. Wo Ringeck und Danzig die Nebenstücke primär als Einzeltechniken auflisten, ordnet Meyer sie nach taktischen Kategorien:

  1. Distanz-Aktionen (Überlaufen, Nachreisen): Nutzen Zeit und Raum, um den Gegner zu übervorteilen
  2. Bindungs-Aktionen (Durchwechseln, Abschneiden, Absetzen): Reagieren auf den Zustand der Klingenbindung
  3. Täuschungs-Aktionen (Zucken, Verführen): Provozieren eine gegnerische Reaktion und brechen sie
  4. Nahkampf-Aktionen (Henddrucken, Sperren): Überführen das Schwertfechten in den Ringkampf

Diese Kategorisierung ist Meyers eigenständige Leistung. Sie erlaubt es dem Lehrer und Schüler, die Nebenstücke nicht als isolierte Tricks, sondern als zusammenhängendes taktisches System zu verstehen, und ist ein weiterer Beleg für Meyers außergewöhnliche didaktische Fähigkeiten.

In der modernen Praxis

Meyers Nebenstücke sind fester Bestandteil des modernen Langschwert-Curriculums. Insbesondere Überlaufen und Durchwechseln werden in Turnierkontexten intensiv genutzt. Die taktische Systematisierung der Nebenstücke in Distanz-, Bindungs-, Täuschungs- und Nahkampf-Aktionen hat sich als didaktisch außerordentlich fruchtbar erwiesen und wird von vielen modernen HEMA-Schulen als Trainingsstruktur übernommen.

Quellen

  • Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 1. Buch, Kap. 10–11.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
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