Durchwechseln

Unter der Klinge hindurch wechseln

konzeptdurchwechselnlanges schwertLiechtenauerMeyer

Das Durchwechseln ist eines der fundamentalen Stücke des Liechtenauerschen Blossfechtens. Es beschreibt die Fähigkeit, im gebundenen Zustand die Klinge von einer Seite des gegnerischen Schwertes auf die andere zu führen und dort zuzustechen. Das Durchwechseln ist untrennbar mit dem Sprechfenster und Fühlen und dem Vor Nach Indes verbunden, denn es erfordert die richtige Einschätzung des gegnerischen Drucks zum exakt richtigen Zeitpunkt.

Definition

Wenn beide Klingen in der Bindung aneinanderliegen, fühlt der Fechter den Druck des Gegners. Ist der Gegner hart (drückt er stark gegen die Klinge), kann der Fechter blitzschnell seine Klinge unter der gegnerischen Klinge hindurchführen und auf der anderen Seite zustechen oder schneiden. Das ist das Durchwechseln. Der Name beschreibt die Bewegung präzise: Man wechselt durch – von einer Seite auf die andere, unten hindurch.

Glossen

Ringeck

Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 25r-26r) behandelt das Durchwechseln im Kontext des Fühlens: “Wenn du mit jm czu fechten kuempst / vnd hert an deyn schwert bindt / so wechsel durch vnder seynem schwert”. Wichtig ist der Nachdruck auf “hert bindet” – das Durchwechseln funktioniert nur gegen einen Gegner, der kräftig drückt. Ringeck lehrt zudem die Brechung des Durchwechselns: Der Gegner kann gegen das Durchwechseln antworten, indem er selbst sofort nachstößt oder den Arm des Durchwechselnden greift.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

[30v.3] Das ist der text mit der glos wie man sol durchwechselñ

Text: „Durchwechsel lere / von paiden seitten stich mit sere / wer auf dich pindet / Durchwechsel In schir vindet"

[31r.1] Glosa: Merck der durchwechsel ist vil vnd manigerlaÿ Die soltu treiben gegen den vechterñ die do gerñ vorsetzen vnd die do hawen zw dem swert vnd nicht zw° den plössen des leibs Die soltu gar wol lernen treiben mit fürsichtigkait das mann dir icht an setz oder sünst ein kum dieweil du durchwechselst

[31r.2] Die durchwechsel treib Also

Wenn dw mit dem zw° uechten zw Im kumpst So haw im oben starck ein hawt er denn wider gegen dir zw° dem swert vnd nicht zu° dem leib So lass den ort mit dem haw vnden durch sein swert wischen ee wenn er dir an das swert pindt vnd stich Im zw° anderñ seittñ zw der prust wirt er denn des stichs gewar vnd vert mit dem swert dem stich pald nach mit vor satzu~g So wechsel aber durch vnd das thue albeg wenn er dir mit vor setzen nach dem swert vert

[31r.3] Oder ·

Wenn dw mit dem zü fechten zw Im kumpst So setz den lincken fues vor vnd halt Im den langen ort gegen dem gesicht hawt er dir deñ von oben nider oder von unden auff zw dem swert vnd wil dir das wegck slahen oder starck dar an pinden So lass den ort vndersich sencken vnd stich Im zw° der anderñ seitten das treib gegen [31v.1] allen häwen do mit man dir zu° dem swert hawt

[31v.2] Das merck eben

Wie dw solt durch wechselñ das man dir die weil icht an setz die weil dw durch wechselst vnd das vernÿm also wenn er dir vor setzt vnd lest den ort neben dir beseit aus gen So wechsel kündlich durch vnd stich ym zw° der anderñ seitten Oder pleibt er dir mit dem ort vor dem gesicht oder sunst gegen anderñ plössen So wechsel nicht durch beleib am swert vnd arbait do mit zu° der nagsten plöss So mag er dir nicht nach geraisen noch ansetzen

Lew

Jud Lew ordnet das Durchwechseln unter die Nebenstücke ein und stellt es neben das Zucken. Seine Lehre: Das Durchwechseln ist die Antwort auf Härte, das Zucken die Antwort auf Weichheit. Beide setzen das Fühlen voraus und geschehen im Augenblick.

Meyer

Joachim Meyer (1570) macht das Durchwechseln zu einem zentralen Täuschungselement. Bei Meyer durchwechselt man nicht nur aus der Bindung heraus, sondern auch vor der Bindung: Der Fechter zeigt einen Hieb zu einer Blöße, und sobald der Gegner dahin versetzt, wechselt er während des Hiebs die Seite und trifft die andere Blöße. Meyer erweitert das Konzept zur taktischen Täuschung – ein fliessendes Umlenken der Klinge im Hau. Bei ihm ist das Durchwechseln nicht nur Antwort auf Druck, sondern ein aktives Manöver.

Ausführung und Mechanik

Das Durchwechseln erfordert, dass die Klingenspitze unter der gegnerischen Klinge hindurchgeführt wird. Die eigene Klinge wird kurz gelockert, die Spitze fällt unter das gegnerische Schwert, und dann schiesst sie auf der anderen Seite empor. Der Treffer erfolgt als Stich in die nun offene Blöße (meist die gegenueberliegende obere Öffnung). Die Hände bleiben in Position; die Bewegung kommt aus einer leichten Lockerung des Handgelenks, nicht aus einem Rückzug der gesamten Waffe. Schrittarbeit ist situationsabhängig – oft wird mit einem kurzen, raumgreifenden Schritt der Stich unterstützt.

Taktische Anwendung

Das Durchwechseln wird dann eingesetzt, wenn der Gegner in der Bindung hart und starr ist. Es bestraft den übermäßigen Druck, der eine Seite der Deckung überbetont und die andere öffnet. Im Gefecht ist das Durchwechseln die bevorzugte Antwort auf den Zornhau, der hart versetzt wurde, und auf alle Aktionen, bei denen der Gegner seine Klinge mit Kraft gegen die eigene presst.

In der Praxis

Im Training wird das Durchwechseln zunächst als statische Partnerübung gelehrt: Die Klingen liegen von einer Seite in der Bindung, der Übende fühlt den Druck und wechselt durch. Danach in Bewegung mit Schritt. Häufige Fehler: Zu grosser Bogen (die Spitze geht zu weit vom Gegner weg und verliert Ziel und Tempo); zu frühzeitiges Durchwechseln vor dem Fühlen des Drucks; Wechseln auf die gleiche Seite statt auf die gegenueberliegende. Das Durchwechseln wird oft mit dem Zucken kontrastiert geübt, da beide auf unterschiedliche Bindungsqualitäten reagieren.

Quellen

  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 18v-19v
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 25r-26r
  • Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung der freyen ritterlichen und adelichen Kunst des Fechtens, Strassburg 1570

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig: Transkription und Übersetzung. Herne 2008.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name: An Anthology of Medieval German Fight Arts. Wheaton 2010.
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