Mutieren
In der Bindung die Klinge wenden

Liechtenauers Zettel
Der Zettel enthält keinen expliziten Merkvers zum Mutieren. Die Technik wird in den Glossen als Nebenstück eingeführt und gehört in den Kreis jener Aktionen, die aus dem Band heraus operieren, ohne das Schwert des Gegners zu verlassen.
Definition
Mutieren (von lat. mutare — verändern, wandeln) bezeichnet in der Deutschen Fechtschule das Wenden der Klinge in der Bindung. Konkret bedeutet dies: Der Fechter wechselt innerhalb des Klingenkontakts die angesetzte Schneide — von der Langen Schneide zur Kurzen Schneide oder umgekehrt.
Die Mechanik: Während die Klinge am gegnerischen Schwert bleibt, wird das eigene Schwert um seine Längsachse gedreht, sodass die ursprünglich angesetzte Schneide durch die gegenüberliegende ersetzt wird. Dies geschieht, ohne die Klinge aus dem Band zu lösen — ein entscheidender Unterschied zum Durchwechseln oder Abnehmen.
Mechanik und Taktik
Das Mutieren dient zwei taktischen Zwecken:
- Winkeländerung: Durch das Wenden der Klinge verändert sich der Angriffswinkel des eigenen Ortes. Die ursprünglich abgewendete Spitze findet plötzlich eine Linie zur gegnerischen Blöße, die vor dem Mutieren verschlossen war.
- Überwindung der gegnerischen Deckung: Ist der Gegner hart im Band und verhindert durch seine Stärke ein direktes Durchstoßen, erlaubt das Mutieren, seine Klinge zu umgehen, ohne den Kontakt aufzugeben.
Das Mutieren ist verwandt mit dem Verkerer, unterscheidet sich aber grundlegend: Beim Mutieren wird die Klinge gewendet; beim Verkerer werden die Hände in der Bindung verdreht.
Glossen
Ringeck
Ringeck behandelt das Mutieren als eines der Nebenstücke zum Zornhau. Seine Glosse beschreibt, dass der Fechter nach dem Anbinden die Klinge mutiert, wenn der Gegner hart im Band ist und der direkte Stich nicht durchdringen kann. Das Wenden verändert die Lage des Ortes und eröffnet eine neue Linie.
Pseudo-Danzig
Danzig führt das Mutieren ähnlich aus. Die Glosse betont den Überraschungsmoment: Der Gegner erwartet den Angriff auf der einen Seite der Bindung; das Mutieren bringt die Spitze auf die andere Seite. Der Gegner hat keine Zeit, seine Deckung anzupassen.
Meyer
Joachim MeyerKlassifikation der Schwertnutzung. Bei Meyer ist das Mutieren weniger eine eigenständige Technik als ein fließender Übergang zwischen Hauen und Schneiden. Meyer betont die Natürlichkeit der Bewegung: Wer aus dem Handgelenk arbeitet, mutiert ohnehin permanent — der explizite Begriff dient der Bewusstmachung.
In der Praxis
- Mutier-Drills in der Bindung: Partner A und B binden im Ochs. A mutiert von der Langen zur Kurzen Schneide und sticht in die obere Blöße. Wichtig ist die fließende Drehung aus dem Handgelenk, nicht aus dem Arm.
- Fühlen und Mutieren: B variiert den Druck (hart/weich). A muss fühlen, wann ein Mutieren die taktisch richtige Antwort ist (bei hartem Druck des Gegners).
Quellen
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
- Meyers Fechtbuch 1570 — Joachim Meyer
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.