Duplieren

Der zweite Hieb aus der fortgesetzten Bindung

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Das Duplieren ist eines der klassischen Nebenstücke des Liechtenauerschen Systems und stellt die Antwort auf den weichen Gegner im Band dar. Gemeinsam mit dem Mutieren und dem Schiessen bildet es die Trias der Bindungstechniken, die den unterschiedlichen Druckqualitäten des Gegners zugeordnet sind. Das Besondere am Duplieren: Es vervielfältigt den Angriff, ohne die Bindung zu verlassen, und nutzt die durch die erste Aktion geöffnete Blösse für einen unmittelbaren zweiten Treffer.

Liechtenauers Zettel

Das Duplieren hat keinen eigenen Merkvers im Zettel. Es wird ausschliesslich in den Glossen gelehrt, wo es als Bestandteil der Nebenstücke – jener Techniken, die über die Meisterhaue hinausgehen und aus dem Band heraus operieren – erscheint. Die Glossatoren ordnen es systematisch ein: Duplieren ist die Antwort auf weiche Bindung, so wie Mutieren die Antwort auf zu harten Widerstand und Schiessen die schnellste Reaktionsform ist.

Definition

Duplieren (von lat. duplicare – verdoppeln) bezeichnet einen zweiten Hieb, Schnitt oder Stich, der unmittelbar auf einen ersten folgt, ohne das Band zum gegnerischen Schwert zu verlassen. Anders als beim Durchwechseln, bei dem die Klinge die Bindung aufgibt und auf die andere Seite wechselt, und anders als beim Abnehmen, bei dem die Klinge ganz vom Schwert gelöst wird, gleitet die Klinge beim Duplieren am gegnerischen Schwert entlang zu einer neuen Angriffsposition.

Die taktische Voraussetzung ist eine weiche Bindung: Der Gegner hat nach dem ersten Kontakt keinen Widerstand aufgebaut oder ist dem Druck ausgewichen. Dadurch hat der Fechter Raum und Zeit, einen zweiten Angriff auszuführen, ohne dass der Gegner seine Deckung wieder geschlossen hat. Die Klinge beschreibt eine enge Schleife – oft über die eigene Schulter geführt oder seitlich um das gegnerische Schwert herum – und schlägt oder sticht zur nächsten offenen Blösse.

Mechanik

Die Mechanik des Duplierens beruht auf der Erhaltung von Bewegung und Kontakt. Der erste Hieb (meist ein Oberhau) prallt auf die gegnerische Klinge. Im Moment des Kontakts fühlt der Fechter die Weichheit des Gegners. Statt den ersten Hieb weiter zu verfolgen oder in der Bindung zu verharren, nutzt er den Rückschwung der eigenen Klinge (oder eine kleine Schleifenbewegung des Handgelenks), um eine zweite Aktion anzuschliessen. Diese zweite Aktion kann sein:

  • ein Hieb zur anderen Seite des Kopfes
  • ein Schnitt über die Arme oder Hände
  • ein Stich ins Gesicht oder zur Brust
  • ein Hieb von der anderen Seite (nach Duplieren über den eigenen Kopf)

Der entscheidende Punkt: Das gegnerische Schwert wird während der gesamten Bewegung kontrolliert. Die Klinge verlässt den Kontakt nicht, und der Gegner kann keine freie Aktion starten, weil er mechanisch blockiert ist.

Glossen

Ringeck

Ringeck behandelt das Duplieren als unmittelbare Folge der Druckwahrnehmung. Seine Glosse ist klar strukturiert: “Wenn du mit jm anbindest und empfindest, das er weich ist, so duplier” – also: Binde an, fühle die Weichheit, dupliere. Ringeck stellt das Duplieren in direkten Zusammenhang mit dem Mutieren: Ist der Gegner zu hart, mutiere (drehe die Klinge zur anderen Schneide); ist er zu weich, dupliere (schlage einen zweiten Hieb). Er beschreibt ferner das Duplieren mit der Kurzen Schneide als besonders wirksame Variante, da die Kurze Schneide den Gegner überrascht und schwer zu parieren ist.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

Danzig betont den Aspekt des Timings: Das Duplieren muss unmittelbar geschehen – “Indes”. Jede Verzögerung gibt dem Gegner die Zeit, von weich auf hart umzuschalten und den zweiten Angriff zu blockieren. Danzig beschreibt das Duplieren auch als Mittel gegen den Gegner, der das Einlauffen versucht: Der Einläufer ist in seiner Vorwärtsbewegung oft weich und damit anfällig für das Duplieren.

Lew

Jud Lew ordnet das Duplieren in die Gruppe der Nebenstücke ein und betont den Kontrast zum Schiessen: Beide antworten auf weiche Bindung, aber das Schiessen ist der direkte Weg (ein einziger Stich), während das Duplieren der umwegige Weg ist (ein zweiter, neuer Angriff). Lews Lehre macht deutlich, dass der Fechter beide Optionen beherrschen muss und situativ die jeweils bessere wählen soll.

Meyer

Joachim Meyer (1570) erhebt das Duplieren zu einem zentralen Bestandteil seiner Bindungslehre. Bei Meyer steht das Duplieren in einem systematischen Dreieck: Mutieren gegen den harten Gegner, Duplieren gegen den weichen Gegner, Schiessen gegen den erwartenden Gegner. Meyer unterrichtet das Duplieren mit besonderer Aufmerksamkeit für den Rhythmus: Der erste und der zweite Hieb sollen im Verhältnis 1:2 stehen – der erste Hieb schwer und kraftvoll (versammelt), der zweite Hieb schnell und explosiv (unversammelt). Der Rhythmuswechsel überrascht den Gegner und öffnet die Deckung für den zweiten Treffer. Meyer ergänzt zudem das Duplieren mit Schnittaktionen: Nach dem ersten Hieb kann der Fechter im Zurückziehen einen Schnitt über die gegnerischen Arme anbringen – ebenfalls eine Form des Duplierens.

Taktische Anwendung

Das Duplieren ist die Technik der Wahl gegen den defensiven, nachgiebigen Gegner. Wer in der Bindung stets zurückweicht und Druck vermeidet, wird durch das Duplieren bestraft: Sein Rückzug öffnet eine zweite Blösse, die der Duplierende sofort nutzt. Das Duplieren ist auch wirksam gegen Gegner, die nach dem ersten Kontakt das Band verlassen wollen – der sofortige zweite Angriff trifft sie in der Bewegung und ohne Deckung. Taktisch ist es ein aggressives Prinzip: Der Fechter duldet kein Weichen des Gegners und hält den Druck durch unmittelbare Folgeaktionen aufrecht.

In der Praxis

Grundübung: Partner A bindet mit einem Oberhau an. Partner B ist weich. A dupliert sofort – die Klinge umschreibt eine kleine Schleife und schlägt zur anderen Seite des Kopfes oder sticht ins Gesicht. Wichtig: Die Bewegung muss fliessend sein, ohne Stopp und ohne Ausholen. Fortgeschrittene Übung: B variiert zwischen hart und weich; A muss fühlen und entscheiden: hart → Mutieren, weich → Duplieren. Rhythmusübung: Solo-Duplieren gegen ein stehendes Ziel; der erste Hieb wird schwer geschlagen, der zweite explosiv angeschlossen. Häufige Fehler: Zu grosse Schleifenbewegung (die Klinge verlässt den Kontakt und gibt dem Gegner Raum), Zögern nach dem ersten Hieb (der Gegner schliesst die Deckung), falsche Entscheidung bei hartem Gegner (der Duplierende läuft in die gegnerische Spitze oder Klinge).

Quellen

  • Cod. I.6.4°.3 (Ringeck)
  • Cod. 44.A.8 (Danzig)
  • Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
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