Schiessen
Der schnelle Stich aus lockerer Bindung

Das Schiessen ist der rascheste Stich des Liechtenauerschen Systems und eine der unmittelbarsten Antworten auf weiche Bindung. Während andere Techniken aus dem Band – Winden, Duplieren, Mutieren – eine komplexere Klingenführung erfordern, reduziert das Schiessen die Aktion auf das Elementare: Fühlen, dass der Gegner weich ist, und sofort die Spitze vorstossen. Es ist die Minimalform des Stichs aus der Bindung und zugleich eine der wirksamsten.
Liechtenauers Zettel
Das Schiessen hat keinen eigenen Merkvers im Zettel. Es erscheint ausschliesslich in den Glossen, wo es gemeinsam mit dem Duplieren und dem Mutieren als eines der Nebenstücke gelehrt wird, die aus dem Band heraus operieren. Der Begriff “Schiessen” selbst ist sprechend: Die Spitze “schiesst” wie ein Geschoss aus der Bindung hervor – schnell, direkt, ohne Umweg.
Definition
Schiessen (fnhd. schiezen) bezeichnet das abrupte, explosive Vorschnellen der Spitze aus der lockeren Bindung heraus zum Stich, ohne die Klinge vorher zu drehen, zu winden oder zurückzuziehen. Die taktische Voraussetzung ist das Fühlen: Nur wenn der Fechter spürt, dass der Gegner weich im Band ist – also keinen oder nur minimalen Druck auf die eigene Klinge ausübt --, kann er schiessen. Der Stich erfolgt ohne Ausholen; die Spitze liegt bereits in Richtung des Gegners und wird allein durch das Strecken der Arme, das Vortreiben aus dem Handgelenk und einen kleinen, schnellen Schritt nach vorn ins Ziel beschleunigt.
Der Unterschied zu einem normalen Stich besteht in der fehlenden Vorbereitung. Ein normaler Stich aus einer Hut wird über eine Strecke aufgebaut; der Schiess-Stich hingegen erfolgt aus dem Stand im Band, ohne jede Vorwarnung. Der Gegner spürt keine Veränderung von Druck oder Bewegung – bis die Spitze bereits auf dem Weg in die Blösse ist.
Taktischer Kontext
Im System der Deutschen Fechtschule steht das Schiessen in folgendem Entscheidungsbaum:
- Gegner ist hart (drückt, ist stark im Band) → Winden oder Durchwechseln
- Gegner ist weich (gibt nach, kein Druck) → Schiessen, Duplieren oder Nachstossen
Das Schiessen ist die schnellste der drei Optionen auf weiche Bindung, weil die Spitze bereits auf das Ziel ausgerichtet ist und keine zusätzliche Bewegung der Klinge – kein Winden, kein Duplieren – erforderlich ist. Der Fechter muss lediglich die Weichheit des Gegners erkennen und im selben Augenblick stossen. Das Schiessen ist damit eine direkte Anwendung des Vor Nach Indes-Prinzips: Erkennen und Handeln verschmelzen zu einem einzigen Zeitpunkt.
Glossen
Ringeck
Ringeck beschreibt das Schiessen als unmittelbare Konsequenz der Druckwahrnehmung im Band. Seine Glosse ist kurz und prägnant: Der Fechter fühlt, dass der Gegner schwach (weich) ist, und schiesst ihm den Ort (die Spitze) in die Blösse – vorzugsweise ins Gesicht oder zur Brust. Ringeck macht keine langen Ausführungen zur Mechanik, weil die Technik selbst so elementar ist: Fühlen, stossen, treffen. Er warnt jedoch vor dem voreiligen Schiessen: Wenn der Gegner nur scheinbar weich ist und tatsächlich auf den Schuss lauert, läuft der Fechter in eine Falle.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
Der Danzig-Glossator betont das Timing: Das Schiessen muss “Indes” erfolgen – im selben Moment, in dem die Weichheit wahrgenommen wird. Eine Verzögerung um den Bruchteil einer Sekunde gibt dem Gegner die Möglichkeit, den Druck wieder aufzubauen oder sich aus der Bindung zu lösen, und der Moment des Schiessens ist ungenutzt verstrichen. Danzig beschreibt das Schiessen auch als Antwort auf das gegnerische Abnehmen: Zieht der Gegner seine Klinge aus der Bindung zurück, wartet der Fechter keinen neuen Angriff ab, sondern schiesst ihm sofort nach.
Lew
Jud Lew reiht das Schiessen unter die zentralen Nebenstücke ein und betont seine Effizienz: Das Schiessen ist der direkte Weg – “der schlechte Weg”, wie Lew es nennt – zur Überwindung des weichen Gegners. Bei Lew ist das Schiessen eng mit dem Fühlen verwoben; ohne das Fühlen ist auch das Schiessen blind und damit gefährlich.
Meyer
drei Angriffsformen (Hau, Schnitt, Stich). Meyer betrachtet das Schiessen als eine Variante des Stichs, die ihre besondere Wirksamkeit aus der Überraschung und der fehlenden Vorbereitung zieht. Bei Meyer wird das Schiessen bevorzugt aus der Ochs-Position beschrieben, da hier die Spitze bereits auf den Gegner gerichtet ist und der Schuss ohne Positionswechsel erfolgen kann. Meyer lehrt das Schiessen auch als Bestandteil kombinierter Angriffe: Ein Hau wird angetäuscht, der Gegner geht in die Deckung, ist weich – und der Fechter schiesst sofort die Spitze durch die entstandene Lücke.
In der Praxis
Das Schiessen ist eine Übung des Timings und der Fühlfähigkeit. Grundübung: Partner A und B binden an. B variiert den Druck (hart/weich). Sobald A die Weichheit spürt, schiesst er die Spitze vor – ohne Zögern, ohne Korrektur der Handhaltung, ohne Zurückziehen. Der Stich erfolgt aus dem Handgelenk und der Schulter; der Arm wird gestreckt, aber nicht überstreckt. Fortgeschrittene Variante: A und B bewegen sich im Band (auf- und abgleitend). B wechselt unvorhersehbar zwischen hart und weich. A muss im richtigen Moment schiessen und bei Fehleinschätzung (Gegner war doch hart) sofort auf Winden umschalten. Häufige Fehler: Zu spätes Schiessen (die Weichheit ist bereits vorbei), Schiessen ohne Fühlen (blindes Losstechen), zu weite Ausholbewegung (der Überraschungseffekt geht verloren).
Quellen
- Cod. I.6.4°.3 (Ringeck)
- Cod. 44.A.8 (Danzig)
- Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.