Anbinden

Der Moment des Klingentreffens

technikblossfechtenbindungLiechtenauerMeyer

Liechtenauers Zettel

Der Zettel selbst enthält keinen expliziten Vers zum Anbinden als gesonderte Aktion. Die Glossen verstehen das Anbinden jedoch als fundamentalen operativen Moment, der dem gesamten Fechten aus den Vier Legern zugrunde liegt. Der erste Kontakt der Klingen — das Anbinden — ist der Nullpunkt, von dem aus alle taktischen Kaskaden der Deutschen Fechtschule ihren Ausgang nehmen.


Definition

Das Anbinden bezeichnet den Moment, in dem die eigene Klinge mit der gegnerischen Klinge in Kontakt tritt. Es ist der Übergang vom Freifechten (Angriffs- und Abwehrbewegung ohne Klingenkontakt) in das gebundene Fechten (Fechten mit Klingenkontakt). Dieser Moment ist kein passiver Zustand, sondern ein taktischer Umschlagpunkt: Hier beginnt die Fühlung, hier entscheidet sich die nächste Aktion.

Die Quellen unterscheiden nicht immer terminologisch scharf zwischen dem Akt des Anbindens und dem Zustand des Gebundenseins (dem Band). Die analytische Unterscheidung ist dennoch nützlich: Das Anbinden ist der Übergang in die Bindung; das Band ist die fortdauernde Klingenverbindung nach dem Anbinden.


Zwei Klingen treffen sich: Was nun?

Im Moment des Anbindens stellt sich die taktische Kernfrage: Wer hat das Vor? Der Angreifer, dessen Klinge mit Initiative das Band sucht, oder der Verteidiger, der im Indes — unmittelbar im Moment des Kontakts — die Bindung zu seinen Gunsten wendet? Die Quelle rät: “Was du wilt treffen / das treib gancz an alle zweifel” (Cod. 44.A.8). Entscheidend ist, dass der Fechter im Anbinden nicht passiv verharrt, sondern unmittelbar handelt — sei es durch Fühlen, Drücken, Nachgeben oder Wechseln.


Hartes vs. Weiches Anbinden

Die Glossen unterscheiden zwei Qualitäten des Anbindens:

  • Hartes Anbinden: Der Fechter sucht mit Druck und Stärke die Bindung und zwingt den Gegner, gegen diesen Druck zu arbeiten. Die Gefahr liegt im Verharren — wer zu lange drückt, wird überlaufen.
  • Weiches Anbinden: Der Fechter nimmt die Bindung leicht, ohne Druck, und hält die Klinge beweglich, um auf die Aktion des Gegners zu reagieren (Nachreisen).

Die Kunst besteht im Wechsel zwischen Hart und Weich, den die Hs. 3227a als “Weich und Hart / … In rechter maß” formuliert. Das Fühlen im Band — die taktile Wahrnehmung von Druck, Richtung und Intention des Gegners — ist der Schlüssel. Nur wer im Band fühlt, kann die richtige Antwort wählen: Druck aufnehmen und überwinden, Druck nachgeben und die Blöße wechseln, oder das Band auflösen und neu angreifen.


Was passiert NACH dem Anbinden?

Nach dem Anbinden ergeben sich grundsätzlich zwei taktische Lagen, die Hs. 3227a über das Fühlen erschließt:

  • Harte Bindung (Stark): Der Gegner drückt mit Kraft gegen die eigene Klinge. Der Gegner ist in der Stärke. Antworten: Winden, Nachgeben, Durchwechseln.
  • Weiche Bindung (Schwach): Der Gegner gibt nach oder hat keinen Druck im Band. Der Gegner ist in der Schwäche. Antworten: Schiessen, Duplieren, Mutieren, Nachstoßen.

Die Glossen betonen durchgängig: Der Fechter muss Indes — im selben Moment des Fühlens — die richtige Antwort wählen. Zögern bedeutet den Verlust der Initiative (siehe Vor Nach Indes).


Glossen

Ringeck

Ringeck behandelt das Anbinden implizit im Rahmen des Zornhau-Ort und der ersten Blöße: Der Zornhau wird mit der Langen Schneide gegen den gegnerischen Hau geführt, wodurch die Klingen aneinanderbinden. Aus dieser Bindung folgt sofort der Ort, wenn der Gegner sich nicht korrekt verhält.

Pseudo-Danzig

Danzig beschreibt den Moment des Anbindens in den Stücken zu den Vier Legern. Die zentrale Botschaft lautet: Wer anbindet, muss wissen, was er im Anbinden bereits vorbereitet. Ein blindes Anbinden ohne Folgeplan ist fehlerhaft.


Meyer

Joachim Meyer systematisiert das Anbinden in seiner Behandlung des Oberhau und der Vier Blössen. Bei Meyer ist das Anbinden stets ein aktiver, nicht abwartender Vorgang. Der Fechter bindet an, um Information zu erhalten (Fühlen) und um die gegnerische Klinge zu kontrollieren. Meyer lehrt ausdrücklich: Nicht zweimal ohne Not an derselben Stelle anbinden.


In der Praxis

  • Blindes Anbinden: Partner A greift mit wechselnden Hauen an, Partner B bindet an und benennt laut “hart” oder “weich”. Der Fokus liegt auf sensorischer Wahrnehmung, nicht visueller Kontrolle.
  • Anbinden mit Folgeaktion: A bindet an. B muss Indes eine Folgeaktion ausführen — abhängig vom gefühlten Druck. Dies schult die taktische Entscheidungsgeschwindigkeit.
  • Anbinden aus der Bewegung: Beide Partner bewegen sich im Kreis, binden auf Zuruf an und lösen sofort die passende Technik aus.
  • Dynamisches Anbinden: Ein Partner haut zu, der andere fängt im Ochs und bindet an. Variation: Freies Anbinden mit Reaktionsaufgaben.

Quellen

Sekundärliteratur

  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.
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