Das Schiedliche
Aggressiv, entschlossen, ohne Zögern

Liechtenauers Zettel
Der Begriff “schiedlich” erscheint in den Zettel-Glossen als Charakterisierung des idealen Fechters. Er ist kein eigenes technisches Stück, sondern eine Handlungshaltung, die das gesamte Fechten durchzieht.
Definition
“Schiedlich” (fnhd. schid(e)lich — entschlossen, schnell, ohne Verzögerung) bezeichnet eine aggressive, entschlossene Fechtweise, bei der der Fechter dem Gegner keine Zeit zur Erholung oder taktischen Neuorganisation lässt. Schiedlich Fechten bedeutet: den Gegner unter ständigen Druck setzen, ihn nicht zur Ruhe kommen lassen, jede Lücke sofort nutzen.
Der Begriff ist schwer zu übersetzen. “Aggressiv” trifft die Sache nur teilweise; schiedlich impliziert auch Zielstrebigkeit, Mut und Konsequenz. Ein schiedlicher Fechter zögert nicht, zweifelt nicht, fragt nicht — er handelt.
Schiedlich Fechten: Den Gegner nicht zur Ruhe kommen lassen
Das schiedliche Fechten ist das praktische Gegenstück zum theoretischen Konzept des Vor. Wer das Vor hat, muss es schiedlich nutzen — jede Pause, jedes Innehalten gibt dem Gegner die Chance, das Vor zu übernehmen.
Die Glossen beschreiben das schiedliche Handeln als Kette von Aktionen ohne Unterbrechung: Hieb → Bindung → Fühlen → Winden → Stich — alles in einem Fluss, ohne Schnittstellen, die der Gegner ausnutzen könnte.
Mentale Einstellung
Das Schiedliche ist nicht nur eine taktische, sondern auch eine mentale Disziplin. Die Quellen fordern eine innere Haltung der Entschlossenheit, die das Zögern überwindet. Dies ist besonders relevant im Kontext der damaligen Fechtkultur, in der scharfe Waffen und ernsthafte Auseinandersetzungen den Hintergrund bildeten: Zögern bedeutete Tod.
In der modernen HEMA-Praxis übersetzt sich das Schiedliche in ein Kontinuitätsgebot: Der Fechter agiert so lange, bis der Kampf vorbei ist. Nach der ersten Aktion folgt die zweite, die dritte, die vierte — bis ein Treffer erzielt oder der Kampf vom Trainer unterbrochen wird.
In der Praxis
- Druck-Drill: Partner A greift an und bleibt im Vor. B muss reagieren, aber A darf keine Pause zwischen den Aktionen zulassen. Es werden mindestens fünf Aktionen in Folge gefordert, ohne abzusetzen.
- Schiedlich aus dem Band: Nach dem Anbinden agiert A schiedlich: Fühlen → Aktion → nächste Aktion, ohne das Schwert abzusetzen oder den Druck nachlassen zu lassen.
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
- Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.