Blössen suchen

Die offenen Linien des Gegners aktiv ausnutzen

konzeptblossfechtentaktikLiechtenauer

Liechtenauers Zettel

Das Konzept der Blössen ist im Zettel fundamental. Die Lehre von den Vier Blössen durchzieht die gesamte Deutsche Fechtschule. Die Glossen entfalten das aktive Suchen der Blössen als zentrale taktische Handlungsmaxime.


Definition

Blössen suchen bedeutet, die ungedeckten Treffflächen des Gegners aktiv zu identifizieren und anzugreifen. Es ist kein passives Beobachten, sondern ein proaktives taktisches Verhalten: Der Fechter bewegt sich so, dass er stets Zugang zu mindestens einer gegnerischen Blöße hat oder schafft.

Die Quellen unterscheiden vier Hauptblössen (siehe Vier Blössen): zwei obere (linke/rechte Kopf- und Schulterpartie) und zwei untere (linke/rechte Bauch- und Hüftpartie). Das System ist jedoch dynamisch: Die Blössen sind nicht statisch, sondern verändern sich kontinuierlich mit jeder Bewegung beider Fechter. Blössen suchen bedeutet, diese Veränderungen wahrzunehmen und die jeweils gegenwärtige Blöße anzugreifen.


“Wer in den Blössen bleibt, den kann man treffen”

Die Glossen formulieren ein Umkehrprinzip: Wer zu lange in einer Blöße verharrt — also dem Gegner ständig dieselbe Trefffläche anbietet —, wird getroffen. Die eigene Blössenverwaltung ist ebenso wichtig wie das Suchen der gegnerischen Blössen. Der Fechter muss seine eigenen Blössen permanent wechseln und verbergen.


Praxis

Das Blössen suchen ist eine Wahrnehmungs- und Entscheidungskompetenz. Es erfordert:

  • Visuelle Wahrnehmung: Den Gegner lesen — welche Blöße zeigt er gerade?

  • Taktile Wahrnehmung: Im Band fühlen, wohin sich der Gegner bewegt.

  • Antizipation: Die nächste Blöße voraussehen, die der Gegner öffnen wird, wenn er auf die aktuelle Bedrohung reagiert.

  • Blössen-Lauf: Partner A bewegt sich frei, B identifiziert und berührt (leicht!) die offenen Blössen von A mit der Spitze. Das Ziel ist flüssige Bewegung und präzise Identifikation.

  • Blössen-Wechsel-Drill: Im Band suchen beide Partner die jeweils offene Blöße des anderen und wechseln fließend zwischen den vier Hauptblössen.

  • Blössen unter Druck: A greift an, B muss parieren UND die offene Blöße identifizieren. Wichtig: Die Blössenwahrnehmung darf nicht zugunsten der reinen Defensive aufgegeben werden.

Quellen

Sekundärliteratur

  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
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