Stark und Schwach

Die Hebelmechanik der Klinge

konzeptprinzipLiechtenauerMeyer

Liechtenauers Zettel

Höre was da schlecht ist fechten mit dem langen swert nichts anders ist dann vor vnd nach wa dein stercke Der wegen so bedencke

Der Zettelvers (aus Liechtenauers Merkverse) spricht von “wa dein stercke” — wo deine Stärke ist. Dies verweist auf zwei Ebenen: einerseits auf die taktische Stärke im Sinne von Vor und Nach, andererseits auf die mechanische Stärke entlang der Klinge. Die Glossen entfalten beide Bedeutungsebenen.


Definition

Die mechanische Definition

Die Klinge des langen Schwerts ist in zwei Bereiche unterteilt:

  • Das Stark (die Stärke, Stercke): Der klingenseitige Abschnitt nahe dem Griff (Gehilz), vom Kreuz bis etwa zur Mitte der Klinge. Hier hat der Fechter die größte Hebelkraft und Kontrolle über die Klinge des Gegners im Band.
  • Das Schwach (die Schwäche, Swech): Der klingenseitige Abschnitt nahe der Spitze (Ort), von der Klingenmitte bis zur Spitze. Hier hat der Fechter eine hohe Geschwindigkeit und Reichweite, aber wenig Hebelkraft gegen die Klinge des Gegners.

Die Terminologie ist relational, nicht absolut: Im gebundenen Schwert ist diejenige Klinge stärker, die näher am Kreuz auf die gegnerische Klinge trifft — unabhängig von der absoluten Kraft der Fechter. Ein schwächerer Fechter kann einen stärkeren kontrollieren, wenn er seine Stärke gegen dessen Schwäche arbeitet.

Das mechanische Prinzip: Hebelwirkung

Das Prinzip von Stark und Schwach beruht auf der Hebelwirkung: Je weiter man von der Hand entfernt auf die gegnerische Klinge einwirkt, desto größer ist die Hebelwirkung des Gegners und desto geringer die eigene. Dies ist ein rein physikalisches Prinzip, das unabhängig von der subjektiven Kraft der Fechter gilt:

  • Stark gegen Schwach = maximale Kontrolle: Die eigene Stärke bindet die gegnerische Schwäche. Der Gegner kann nicht wirksam winden; der eigene Ort bleibt frei für Stich oder Schnitt
  • Schwach gegen Stark = minimale Kontrolle: Der Gegner hat Hebelvorteil. Wenn man im Schwach gebunden ist, muss man unverzüglich handeln — Winden, Durchwechseln oder Nachgeben
  • Stark gegen Stark = beidseitige starke Bindung: Fühlen und Winden werden zum entscheidenden taktischen Werkzeug
  • Schwach gegen Schwach = weite Distanz, keine sichere Bindung: Beide Fechter agieren mit Reichweite, aber ohne Kontrolle über die Klinge des anderen

Glossen

Ringeck (Cod. I.6.4°.3)

Sigmund Ringeck glossiert Stark und Schwach im direkten Zusammenhang mit dem Vor-Nach-Vers:

“Vnd wisse das du keyn rechten gang im swert hast / dan dy stercke vnd dy swache des swertes … mit der stercke magstu alles das halden das do weddir dich yn dy swache slat. Mit der swache magstu nicht halden.”

(Ringeck, sinngemäß:) Du hast keinen rechten Gang im Schwert außer der Stärke und der Schwäche des Schwertes. Mit der Stärke kannst du alles halten, was gegen dich in die Schwäche schlägt. Mit der Schwäche kannst du nichts halten.

Ringeck betont den Kontrollaspekt: Die Stärke kontrolliert, die Schwäche ist das Werkzeug für Geschwindigkeit und Reichweite, aber nicht für Bindung und Kontrolle.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

Danzig behandelt Stark und Schwach im Rahmen des Windens und der vier Leger:

“Das swert hat czwu hut / eyn starg vnd eyn swach / dy starke Ist vom crewcz bis an dy helffte. Dy ander vom mitteyl bis czum orte do von ys das swach.”

Danzig gibt eine klare anatomische Definition der Klingenbereiche: Die Stärke vom Kreuz bis zur Mitte, die Schwäche von der Mitte bis zum Ort. In der Winden-Lehre beschreibt er detailliert, wie das Zusammenspiel von Stark und Schwach das Winden erst ermöglicht: Nur wer fühlt, ob er im Stark oder Schwach gebunden ist, kann entscheiden, ob er winden, nachgeben oder durchwechseln muss.

Danzig führt zudem den Begriff des Gleich ein: Wenn beide Fechter mit der Stärke gegeneinander stehen, befinden sie sich im Gleich. Aus dem Gleich heraus kann keiner den anderen durch reine Kraft dominieren — taktisches Geschick und Indes-Handeln entscheiden.

Lew (Ms. germ. quart. 2020)

Jud Lew behandelt Stark und Schwach pragmatisch-didaktisch:

“Vnd das swech des swertes das do von der helffte byß czum orte geet / do mete magstu nicht vor dem swerte bleibin.”

Lew betont die didaktische Konsequenz für den Anfänger: Wenn du im Schwach gebunden bist, musst du handeln — du kannst nicht einfach stehen bleiben und Kraft dagegensetzen, weil der Gegner im Stark die Kontrolle hat.

Hs. 3227a (Döbringer)

Die früheste Glosse (Nürnberger Handschrift) liefert die ausführlichste Behandlung:

“Vnd wiße das daz swert czwu ding hot: eyne stercke vnd eyne sweche. Dy stercke ist vom gehilcze bis an dy mitte. Dy sweche von der mitte bis an den ort.”

Döbringer verbindet Stark und Schwach unmittelbar mit dem Konzept des Fühlens: “Wen du mit dem swerte an daz swert kumpst / so saltu fühlen ob her weich ader herte ist” — wenn du mit dem Schwert an das Schwert kommst, sollst du fühlen, ob der Gegner weich oder hart ist. Weich = Schwach, Hart = Stark. Aus dieser Information leitet sich das gesamte taktische Verhalten im Band ab.


Meyer

Joachim Meyer behandelt das Prinzip von Stark und Schwach unter mechanischen Gesichtspunkten und systematisiert es im Kontext der vier Blößen. Bei Meyer erscheint Stark und Schwach primär im Zusammenhang mit dem Winden und den Nachreisen.

Meyer betont die beidseitige Anwendung: Ein guter Fechter arbeitet sowohl mit der Stärke (zur Kontrolle) als auch mit der Schwäche (zur Geschwindigkeit und für Finten). Er warnt davor, nur mit der Schwäche zu fechten — dies führe zu kraftloser, ineffektiver Aktion —, ebenso wie davor, sich auf pure Stärke zu verlassen, was den Fechter langsam und berechenbar mache.

Meyers didaktische Innovation: Er führt das Prinzip anhand konkreter Drill-Übungen ein, bei denen die Schüler wechselseitig aus dem Stark und dem Schwach heraus arbeiten und die taktischen Unterschiede am eigenen Leib erfahren.


Bedeutung im System

Stark und Schwach ist ein fundamentales mechanisches Prinzip, das eng mit den anderen Kernkonzepten des Systems verflochten ist:

Winden

Das Winden am Schwert ist ohne das Verständnis von Stark und Schwach nicht ausführbar. Das Winden funktioniert nur, weil die Hebelwirkung im Stark es erlaubt, den Ort unter Kontrolle des Gegners hindurch zum Ziel zu führen. Ist man im Schwach gebunden, muss man entweder nachgeben und durchwechseln, oder zusehen, wie man ins Stark gelangt.

Siehe Winden am Schwert.

Fühlen

Das Fühlen (fülen) ist die sensomotorische Wahrnehmung dessen, ob der Gegner im Stark oder im Schwach — hart oder weich — am Schwert ist. Aus dem Fühlen ergeben sich die taktischen Optionen: Ist der Gegner hart (Stark), weiche ich aus oder winde. Ist der Gegner weich (Schwach), stoße ich nach oder schneide ich ab.

Siehe Sprechfenster und Fühlen.

Absetzen und Durchwechseln

Beide Techniken beruhen darauf, die Schwäche des gegnerischen Angriffs gegen die eigene Stärke zu nutzen:

  • Beim Absetzen wird der gegnerische Angriff mit der Stärke abgefangen und der eigene Ort in die Blöße geführt
  • Beim Durchwechseln wird die gegnerische Stärke umgangen, indem man unter dem Schwert hindurchwechselt — ein taktisches Manöver, das die Hebelwirkung des Gegners ins Leere laufen lässt

Siehe Absetzen und Durchwechseln.

Indes

Stark und Schwach bestimmen das Indes-Handeln: Die Information, ob man im Stark oder Schwach gebunden ist, muss Indes verarbeitet werden — im selben Moment des Fühlens, ohne bewusste Überlegung. Ein Fechter, der “nachfühlt” und erst dann reagiert, handelt zu spät.

Siehe Vor Nach Indes.


In der Praxis

Moderne Interpretation

Die moderne Biomechanik bestätigt das mittelalterliche Prinzip präzise: Die Klinge ist ein Hebel, und die Kontrolle im Band folgt den Gesetzen der Hebelmechanik. Die moderne HEMA-Interpretation betont zudem:

  • Stark und Schwach ist sensorisch, nicht visuell. Der Fechter muss fühlen, wo er gebunden ist — nicht hinsehen
  • Stark und Schwach ist relativ. Gegen einen sehr starken Gegner kann selbst das eigene Stark zum Schwachen werden, wenn der Gegner mit überlegener Mechanik arbeitet
  • Stark ist nicht “hart”. Ein guter Fechter hält das Schwert weich im Stark, um Indes reagieren zu können — wer das Schwert verkrampft hält, verliert die Fühlfähigkeit

Trainingsübungen

1. Stark-gegen-Schwach-Drill in der Bindung: Partner A bindet mit einem Oberhau an Partner B. A versucht bewusst, mit der Schwäche in Bs Stärke zu fallen (Fehler). B nutzt die Hebelkontrolle des Stark und drückt As Schwert zur Seite, während Bs Ort auf As Brust zeigt. Rollenwechsel nach fünf Wiederholungen.

2. Fühl-Drill Stark/Schwach: Partner A und B stehen in der Bindung (z.B. Ochs gegen Pflug). A variiert zwischen “hart” (Stark, Druck geben) und “weich” (Schwach, nachgeben). B muss Indes die richtige Antwort geben: Ist A hart → Winden oder Durchwechseln. Ist A weich → Stoßen oder Absetzen.

3. Winden aus Stark und Schwach: Partner A bindet, Partner B windet. B übt abwechselnd das Winden aus dem Stark (kontrolliert, langsam, mit Hebel) und aus dem Schwach (schnell, mit Durchwechseln). Ziel ist das Verständnis, dass beide Positionen handlungsfähig sind — aber unterschiedliche Lösungen verlangen.

4. Pendel-Drill: Beide Partner wechseln in fließender Bewegung zwischen Bindung im Stark und im Schwach. Wer gerade im Stark ist, führt und diktiert das Tempo. Der Übergang vom Stark ins Schwach soll ohne Bruch erfolgen — Indes.

Häufige Fehler

  • Starres “Stark-ist-besser”-Denken: Die Schwäche ist kein Fehler, sondern ein taktisches Werkzeug. Viele Hiebe werden mit der Schwäche getroffen — entscheidend ist, was nach dem Treffen geschieht
  • Verkrampfte Hand: Wer das Schwert zu fest hält, kann nicht fühlen. Die Hand bleibt locker, bis im Moment der Aktion Kraft erforderlich ist
  • Fokussierung auf Muskelkraft: Stark bedeutet nicht “mit Kraft dagegenhalten”, sondern die Nutzung des mechanischen Vorteils. Übermäßige Muskelkraft verlangsamt und macht vorhersehbar

Zur Textgestalt: “wa dein stercke”

Die Formulierung im Zettel ist vielschichtig: “wa dein stercke” — wo deine Stärke (ist). Die Glossen deuten dies auf zwei Ebenen:

  1. Taktisch: Wo du im Vor oder im Nach bist (deine taktische Stärke)
  2. Mechanisch: Wo an der Klinge die Stärke des Schwertes liegt (der Bereich vom Kreuz zur Mitte)

In Hs. 3227a wird dies besonders deutlich: Döbringer kommentiert zunächst die taktische Ebene (Vor und Nach), dann die mechanische (Stark und Schwach des Schwertes). Beide Lesarten ergänzen sich und sind im Liechtenauer’schen System untrennbar.


Quellen

Sekundärliteratur

  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.
  • Schmidt, Herbert: Schwertkampf: Der Kampf mit dem langen Schwert nach der Deutschen Schule. Wieland 2007.
  • Angenendt, Volker: Das Winden — Kern der Liechtenauerschen Fechtlehre. In: Hammaborg Fechtbuch, 2007.
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