Ringen bei Fabian von Auerswald
Das umfangreichste Ringer-Werk der deutschen Tradition (1539)

Fabian von Auerswald veröffentlichte 1539 in Wittenberg das gedruckte Werk Ringer kunst: fünf und achtzig Stücke — ein monumentales Ringerbuch, das mit 85 illustrierten Techniken zu den umfangreichsten und prachtvollsten Werken des historischen Ringen — Überblicks zählt. Es ist die bedeutendste gedruckte Quelle zur Ringkunst innerhalb der Deutschen Fechtschule und markiert den Höhepunkt der deutschsprachigen Ringerliteratur des 16. Jahrhunderts.
Das Werk
Auerswalds Ringer kunst (1539) umfasst 85 Techniken,Lucas Cranach dem Älteren oder seiner Werkstatt zugeschrieben, was dem Werk eine besondere kunsthistorische Bedeutung verleiht. Cranach, einer der bedeutendsten Maler der deutschen Renaissance und Hofmaler des Kurfürsten von Sachsen, verlieh den kraftvollen Ringdarstellungen eine ästhetische Qualität, die weit über das rein Instruktive hinausgeht.
Die Vorrede (Originaltext)
Vorrede. Zu ehren und unterthenigem gefallen, dem Durchleuchtigsten und Dochgebornen Fersten und Herrn, Herrn Johansen Friderichen, Hertzogen zu Sachssen, und Kurfuersten &c. meinem gnedigsten Herrn, Habe ich Fabian von Auerswald, fur mich genomen, die alte Ehrliche und Adeliche kunst, des Ritterschimpffs, des Ringens, wie ich bey Regiorung, weiland des durchleuchtigsten Hochgebornen Fuersten und Herrn, Herrn Ernsten, Hertzogen zu Sachssen, und Kurfuersten, seliger und Christlicher gedechtnis, solchs von der selben weitberuemten Ringmeistern, die dazumal bey seiner Kurfuerstlichen geraden zu Hofe gewesen, und die Jugent, als meine gnedigste und gnedige Herrn, seiner Kurfuerstlichen gnaden Soene, und andere fuersten, Grauen und Herrn, und die vom Adel und mich gelernet, und inn solchen Ritterlichen und Adelichen kuensten, unterweiset, zusamen gezogen, und mit artigem und lustigem Gemelde, und schrifften, inn Druck bringen lassen, welches auch die rechte art und kunst des Ringens ist, und vormals der gestalt, nie an tag komen, Welches ich auff hochgemelts meins gnedigsten Fuersten und Herrn begern, mit verleihung Goettlicher huelffe volendet, Und vielen ehrlichen und guten Leuten zu nutz, ehren und fromen, zu Ernstlichen und Ritterschimpfflichen sachen, habe woellen ans liecht bringen. Und ist mein unterthenigs, dienstlichs und freundlichs bitten, an wen, von hohen oder nidern Stand, solche meine arbeit, muehe und vleis, komen und gelangen wird, Er woelle die selbig von mir zu gnaden, gunsten und freundschafft annemen, und mich und meine Kinder im besolhen sein lassen, Sonderlich dieweil ich nu mehr ein alter vorlebter Man, Denn ich bin im vierzehenhundert und zwey und sechzigsten jar geborn, Und hab solche meine arbeit, nach Christi unsers lieben Herrn gehurt, 1537. jare zu Witemberg verfertiget.
Fabian von Auerswald. Guter Gesell nicht verzage / bis keck vnd ring wol die Wage
Techniken
Auerswalds System deckt ein breites technisches Spektrum ab:
-
Armhebel und Armgelenk-Techniken: Der Gegner wird an Hand, Ellbogen oder Schulter gehebelt und zu Boden gezwungen. Diese Techniken bilden das Rückgrat des Systems.
-
Beinstellen und Fußtechniken: Der Ringer setzt seinen Fuß gegen den des Gegners und zwingt ihn durch Zug oder Druck aus dem Gleichgewicht.
-
Würfe und Hüftschwünge: Über Hüfte, Schulter oder Rücken wird der Gegner ausgehoben und kontrolliert zu Boden gebracht.
-
Halstechniken und Kopfgriffe: Würge- und Hebeltechniken gegen den Hals- und Kopfbereich, die im Campfringen von grosser taktischer Bedeutung sind.
Auerswald betont durchgehend das Prinzip der Kontrtechnik: Auf jede Aktion gibt es eine logische Antwort, die der Ringer in der Struktur des Buches sofort erkennen kann.
Verhältnis zur Liechtenauer-Tradition
Auerswalds Ringen steht in der Tradition Liechtenauers, entwickelt aber ein eigenständiges System, das über die in den Fechtbüchern des 15. Jahrhunderts enthaltenen Ringabschnitte hinausgeht. Während Talhoffer und Kal das Ringen als Teil eines umfassenden Kampfsystems behandeln, widmet Auerswald ihm ein ganzes Buch. Die Verbindung zur Liechtenauer-Tradition ist dennoch deutlich: Die Prinzipien von Stark und Schwach (Übertragen auf Körperhebel), von Vor und Nach und das Konzept des Nutzens gegnerischer Kraft finden sich in Auerswalds Techniken wieder.
Stellung in der Geschichte
Auerswalds Ringer kunst schliesst die Lücke zwischen den spätmittelalterlichen handschriftlichen Fechtbüchern und der späteren Druck- und Barocktradition. Es ist das letzte grosse deutschsprachige Ringerwerk, bevor sich der Schwerpunkt der Fechtliteratur auf das Rapier- und Stossdegen-Fechten verlagerte.
Quellen
- Auerswald, Fabian von: Ringer kunst: fünf und achtzig Stücke. Wittenberg 1539.
- Digitalisat: Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.
Sekundärliteratur
- Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Pfaffenweiler 1993.
- Wiktenauer — Fabian von Auerswald.