Ringen nach Liechtenauer
Der Ringen-Bezug im Zettel und die vierte Disziplin der Kunst des Fechtens

Die Frage, welchen Anteil das Ringen — Überblick an der Lehre Johannes Liechtenauers hat, ist eine der komplexesten der Quellenforschung zur Deutschen Fechtschule. Anders als beim Schwertfechten, für das Liechtenauer einen geschlossenen Merkvers-Kern hinterlassen hat, fehlt dem Ringen ein eigener Zettel. Der Ringen-Bezug im Zettel erfolgt indirekt — verwoben mit den Schwertlehren und konzentriert auf den Übergang vom Schwert- zum Ringkampf. Dennoch kann das Ringen mit guten Gründen als vierte Disziplin der Kunst des Fechtens bezeichnet werden, auch wenn sein Platz in der Überlieferung anders strukturiert ist als der der Waffendisziplinen.
Der zentrale Ring-Bezug in Liechtenauers Zettel ist das Durchlaufen:
“Durch lauffen lasz graben / nach gadem gegen den plossen”
Dieser Vers beschreibt den Übergang vom Schwertkampf zum Ringen: Der Fechter soll unter der gegnerischen Klinge hindurch auf den Gegner zustürmen (“graben”), in die Ringdistanz eindringen und den Gegner durch Ringtechniken überwinden. Das Durchlaufen ist die explizite Schnittstelle zwischen Schwertfechten und Ringen — der Punkt, an dem die Waffe nicht mehr wirken kann und der waffenlose Kampf die Entscheidung bringt.
Die Glossen zum Ringen entfalten das aus diesen wenigen Versen angedeutete Ringsystem. Die früheste Glosse in der Hs. 3227a (Nürnberger Kodex, Döbringer-Prosa, um 1400) enthält Ringanweisungen, die noch eng mit dem Schwertkampf verwoben sind und vor allem das Durchlaufen kommentieren. Die späteren Glossatoren Sigmund Ringeck und der Danzig-Glossator erweitern diese Anweisungen und fügen konkrete Ringtechniken hinzu: Armhebel, Beinstellen und Würfe, die nach dem Durchlaufen zur Anwendung kommen.
Die Frage, ob Liechtenauer selbst ein eigenständiges Ring-System lehrte, das über das Durchlaufen hinausging, lässt sich quellenkritisch nicht eindeutig beantworten. Die Glossatoren behandeln das Ringen als integralen Bestandteil von Liechtenauers Lehre, aber sie gründen es nicht auf einem separaten Ring-Zettel, sondern auf den Schwert-Zettel und die ihm folgenden Glossen. Dies deutet darauf hin, dass das Ringen in Liechtenauers ursprünglicher Systematik keine eigenständige vierte Disziplin mit eigenem Merkvers-Kern war, sondern ein integraler Modus des Schwertfechtens — die Antwort auf Situationen, in denen die Schwertdistanz unterschritten wird und die Waffe nicht mehr frei zu führen ist.
Die Entwicklung des Ringens zur vierten Disziplin erfolgte erst nach Liechtenauer, im Laufe des 15. Jahrhunderts. Talhoffers Ringer-Tafeln, Kals Systematisierung und schliesslich Auerswalds monumentales Lehrbuch von 1539 dokumentieren diese Emanzipation: Das Ringen löst sich aus der Bindung an das Schwertfechten und wird als eigenständige Kunst behandelt, lehrbar und systematisierbar. Die Verbindung zu Liechtenauer bleibt jedoch bestehen — nicht über einen eigenen Zettel, sondern über die Prinzipien, die das Ringen mit dem Schwertfechten teilt: Stark und Schwach (übertragen auf Körperhebel), Vor und Nach im Initiieren von Ring-Techniken und das taktische Konzept des Nutzens gegnerischer Kraft.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 89r–92v.
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Auerswald, Fabian von: Ringer kunst: fünf und achtzig Stücke. Wittenberg 1539.
Sekundärliteratur
- Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Pfaffenweiler 1993.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Wiktenauer — Johannes Liechtenauer.