Ringen bei Hans Talhoffer

Talhoffers Ringer-Tafeln und ihre Stellung in der deutschen Ringtradition

konzeptringenTalhoffer15 jh

Hans Talhoffer ist eine der zentralen Figuren der spätmittelalterlichen Fechtbuchüberlieferung und zugleich derjenige Autor, in dessen Werk das Ringen — Überblick den breitesten und systematischsten Raum einnimmt. Seine in mehreren Fechtbüchern überlieferten Ringer-Tafeln sind nicht blosses Beiwerk zu den Schwert- und Harnischsektionen, sondern eine eigenständige technische Enzyklopädie des Kampfringens im 15. Jahrhundert.

Talhoffers Ringer-Tafeln präsentieren ein breites technisches Spektrum: Armhebel in verschiedenen Varianten — Zudrehen, Überziehen, Armstreckhebel — bilden das Rückgrat der Darstellung. Talhoffer zeigt die Armhebel präzise und instruktiv, oft mit deutlicherer Mechanik als seine Schwert-Tafeln, was auf eine besondere praktische Vertrautheit mit dem Ringkampf schliessen lässt. Hinzu kommen Beinsteller und Fußtechniken, die den Gegner durch Blockade des unteren Körpers zu Fall bringen, sowie Hüftwürfe und Schulterwürfe, bei denen der Gegner über die Hüfte oder Schulter des Werfers ausgehoben und kontrolliert zu Boden gebracht wird.

Ein Alleinstellungsmerkmal Talhoffers ist die explizite Darstellung des Übergangs vom Ringen zum Dolch. In mehreren Tafelfolgen endet die Ringtechnik nicht mit dem Wurf, sondern mit dem gezückten Dolch und dem Stich gegen den am Boden liegenden Gegner. Diese Integration des Dolches macht Talhoffers Ringer-Tafeln zu einem der deutlichsten Belege für das Kampfringen als ernsthafte, auf Tötung gerichtete Kampfmodalität. Der Dolch erscheint als logische Fortsetzung der Ringtechnik — eine Konsequenz, die in der späteren Drucktradition (Auerswald) oder im regulierten höfischen Ringen keine Rolle mehr spielt.

Talhoffer unterscheidet in seinen Fechtbüchern zudem konsequent zwischen dem Ringen zu Fuß und dem Ringen im Harnisch. Die Ringer-Tafeln für das Blossfechten zeigen Techniken mit kurzen Ärmeln und sichtbaren Gelenken; die Harnischring-Tafeln zeigen gepanzerte Figuren und konzentrieren sich auf Techniken, die die Rüstung ausnutzen — Griffe an Helm, Visier und Gelenkschienen.

Im Vergleich zu Auerswald ist Talhoffers Darstellung weniger didaktisch systematisiert — seine Tafeln zeigen Techniken ohne die explizite Paarstruktur von Aktion und Kontrtechnik, die Auerswalds Lehrbuch kennzeichnet. Dafür ist Talhoffers Repertoire taktisch breiter und näher an der Realität des Kampfes. Wo Auerswald lehrt, dokumentiert Talhoffer.

In der modernen HEMA-Praxis sind Talhoffers Ringer-Tafeln eine der am häufigsten zugrundegelegten Quellen für das Ring-Training, insbesondere für den Übergang vom Schwertkampf zum Ringen und für das Studium der Armhebel und Würfe.

Quellen

  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
  • Talhoffer, Hans: Ms. Chart. A 558, Forschungsbibliothek Gotha.

Sekundärliteratur

  • Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Pfaffenweiler 1993.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Wiktenauer — Hans Talhoffer.
Nach oben ↑