Dolch
Die kurze Klinge im Fechtsystem

“Das Dolchfechten ist ein teyl des Kampffstuckes” — diese Ankündigung aus Talhoffers Fechtbuch markiert den Dolch als integralen Bestandteil des spätmittelalterlichen Fechtsystems, nicht als bloße Beiordnung.
Der Dolch als Fechtwaffe
Der Dolch der Deutschen Fechtschule erscheint in den Quellen in zwei charakteristischen Bauformen: dem Scheibendolch (Rondelldolch) mit charakteristischer Parierscheibe — die typische Waffe des 14. und 15. Jahrhunderts — und dem Stilett, einer schlanken, rein auf den Stich ausgelegten Klinge, die ab dem späten 15. Jahrhundert zunehmend das Rondell verdrängt. Der Scheibendolch weist eine dreieckige oder rautenförmige Klinge von 25–35 cm Länge auf und ist primär Stichwaffe; die Scheibe dient als Faustschutz und Hebelpunkt. Das Stilett ist länger (bis 40 cm) und durch seinen nadelförmigen Querschnitt ausschließlich zum Stechen geeignet — es antizipiert den Rappierdolch des 16. Jahrhunderts.
Primärquellen
Die ältesten erhaltenen Darstellungen des Dolchkampfs in der deutschen Tradition finden sich bei Hans Talhoffer, der dem Dolch in seinen Fechtbüchern (1443–1467) breiten Raum gewährt. Talhoffers Dolch-Abschnitte sind visuell spektakulär: Sie zeigen den Dolch im Kontext des Ringens, des Harnischfechten — Überblicks und als Hauptwaffe im Kampfgericht — dem gerichtlichen Zweikampf, bei dem der Dolch eine Bewaffnungsoption war. Paulus Kal (Cgm 1507) behandelt den Dolch ebenfalls und stellt ihn in den Kontext des Messerfechtens. Joachim Meyer schließlich widmet dem Dolch im Druck von 1570 einen separaten, systematischen Teil (→ Dolch bei Meyer).
Techniken und Grundpositionen
Der Dolchkampf wird in den Quellen aus wenigen Primärpositionen geführt: (1) Dolch in der rechten Hand, Griff nach oben (Hammergriff), gegen den unbewaffneten oder bewaffneten Gegner; (2) Dolch in der linken Hand als Sekundärwaffe — die typische Konfiguration des Dolch-Rappier-Fechtens; (3) beidhändiges Führen im Halbschwert-Modus, insbesondere im Harnischfechten — Überblick.
Die Technik gliedert sich in drei Kategorien: Parade mit dem Dolch — der Dolch fängt die gegnerische Klinge an der Scheibe oder im Bereich der Parierstange ab; Gegenangriff — simultanes Blocken und Stechen; Hebeltechniken — der Dolch als Hebelpunkt in den Gelenken des Gegners, eng verwandt mit dem Ringen — Überblick. Talhoffer illustriert ausführlich, wie der Verteidiger einen Schwertangriff mit dem linken Arm fängt, die gegnerische Waffe mit dem Dolch blockiert und im selben Moment in die ungeschützten Körperöffnungen — Achsel, Hals, Leistengegend — sticht.
Modernes Dolchfechten
Das Dolchfechten ist in der modernen HEMA-Praxis eine Nischendisziplin, vergleichbar den Stangenwaffen. Die hohe Verletzungsneigung durch die kurze Reichweite und die Dominanz von Stichtechniken erschwert das Sparring. Gleichwohl existieren spezialisierte Trainingsgruppen und Forschungsschwerpunkte, insbesondere zu Talhoffers Dolchsystem und Meyers Dolchlehre. Turnierformate sind selten, jedoch bieten größere HEMA-Events wie Swordfish gelegentlich Dolch-Workshops an.
Quellen
- Talhoffer, Hans: Fechtbücher — Cod. icon. 394a (1467), Thott 290 2° (1459).
- Kal, Paulus: Cgm 1507 (um 1470), Bayerische Staatsbibliothek München.
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570. Buch 5: Dolch.
- Wiktenauer: Dagger