Cod. Guelf. A.8 Aug. 2°
Meyer 1560 — Die Rostocker Handschrift

Überblick
- Signatur: Cod. Guelf. A.8 Aug. 2°, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
- Datierung: um 1560
- Sprache: Frühneuhochdeutsch
- Aufbewahrungsort: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
- Autor: Joachim Meyer
Inhalt
Der Cod. Guelf. A.8 Aug. 2° – in der Forschung gemeinhin als »Rostocker Handschrift« oder »Meyer 1560« bezeichnet – ist ein singuläres Dokument der Deutsche Fechtschule und der Deutschen Fechtschule: Es handelt sich um eine handschriftliche Vorstufe zu Joachim Meyers späterem gedruckten Fechtbuch, der Gründlichen Beschreibung von 1570. Dieser Umstand erlaubt einen seltenen Einblick in die Werkstattarbeit eines Fechtmeisters am Übergang von der handschriftlichen zur gedruckten Überlieferung.
Inhaltlich deckt das Manuskript bereits das gesamte Spektrum von Meyers späterem System ab: Langes Schwert, Dussack, Rappier, Dolch und Stangenwaffen. Der Aufbau und die Technikauswahl weisen jedoch charakteristische Abweichungen vom Druck auf. Einige Techniken und Passagen, die im Manuskript auftauchen, wurden für den Druck gestrichen oder umformuliert, während andere Teile im Manuskript noch fehlen oder nur skizziert sind.
Die Illustrationen der Rostocker Handschrift sind einfacher und schematischer als die kunstvollen Holzschnitte des Drucks von 1570, die möglicherweise von Tobias Stimmer oder einem Künstler aus seinem Umkreis stammen. Der Vergleich zwischen Manuskript und Druck offenbart, wie Meyer seine Lehre überarbeitet und verfeinert hat.
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung von Meyers didaktischem System: Das Manuskript zeigt einen stärker an der älteren Deutsche Fechtschule orientierten Zugang, während der Druck eine ausgefeiltere pädagogische Struktur mit klarer Teilung in fünf Abschnitte und einem systematischeren Aufbau der Techniken präsentiert. Die Handschrift dokumentiert somit den Übergang von der mittelalterlichen Merkvers-Didaktik zu einer frühneuzeitlichen, lehrbuchartigen Darstellungsform.
Stellung in der Liechtenauer-Tradition
Die Rostocker Handschrift ist das einzige handschriftliche Zeugnis des Meyerschen Fechtsystems und erlaubt eine genetische Analyse der Entwicklung vom Manuskript zum Druck. Sie nimmt eine Brückenstellung zwischen der mittelalterlichen Handschriftentradition und der frühneuzeitlichen Druckkultur ein und belegt die bewusste Weiterentwicklung der Deutsche Fechtschule durch Meyer.
Editionen und Forschung
- Eine moderne Edition mit Transkription und Übersetzung steht bislang aus. Die Handschrift wird in Aufsätzen und Monographien zu Joachim Meyer vergleichend herangezogen, wartet jedoch noch auf eine umfassende kritische Aufarbeitung.