Harnischfechten

Fechten in voller Plattenrüsung

konzeptharnischfechtenLiechtenauerMeyer

Das Harnischfechten bezeichnet den Kampf in voller Plattenrüstung und bildet neben Deutsche Fechtschule, Rossfechten — Überblick und Ringen — Überblick eine der vier Hauptdisziplinen der Deutschen Fechtschule. Während das Blossfechten auf Geschwindigkeit, Schnittwirkung und das Ausweichen setzt, folgt das Harnischfechten gänzlich anderen Prinzipien: Die Rüstung schützt vor Schnitten und flachen Hieben, sodass die Klinge als Stichwaffe in die verbleibenden Öffnungen — die Blössen im Harnisch — geführt werden muss.

Unterschiede zum Blossfechten

Im Harnisch ist das Schwert in konventioneller Führung weitgehend wirkungslos. Weder ein Zornhau noch ein Schielhau durchdringen eine Plattenrüstung. Deshalb wird das Schwert hier im Halbschwert gegriffen — die linke Hand fasst die Mitte der Klinge, um präzise Stösse mit maximaler Hebelwirkung in die Gelenke und Öffnungen der Rüstung zu platzieren. Der Mordstreich kehrt die Waffe um und nutzt Knauf und Gehilz als hammerartige Schlagwaffe. Das Ringen im Harnisch integriert Würfe, Hebel und den Einsatz des Dolches, um den Gegner zu Boden zu bringen und dort durch einen Stich in eine Blösse zu überwinden.

Kernwaffen

Die Primärwaffe des Harnischfechtens ist das Lange Schwert im Halbschwert-Griff, ergänzt durch den Der Kurze Speer im Harnisch oder Spiess, der auf Distanz in die Blössen gestossen wird. Der Dolch dient als Sekundärwaffe für den Nahkampf am Boden: Ist der Gegner geworfen, setzt der Fechter die Dolchspitze an Visier, Achsel oder Kniekehle an.

Die Blössen im Harnisch

Anders als beim Blossfechten, wo die Vier Blössen (Ober- und Unteröffnungen) frei liegen, sind im Harnisch nur wenige, durch die Rüstungskonstruktion bedingte Öffnungen erreichbar: die Achselhöhlen, die Kniekehlen, das Visier, die Handgelenke und das Genick. Diese Ziele erfordern präzise, kraftvolle Stösse, die nur mit dem Halbschwert oder dem Kurzen Speer zuverlässig gelingen.

Überlieferung

Die bedeutendsten Quellen zum Harnischfechten sind die Fechtbücher des Hans Talhoffer (besonders Ms. Thott.290.2º, 1459, und Cod. icon. 394a), die mit detaillierten Illustrationen Techniken im Halbschwert, Mordstreiche und Harnischringen zeigen. Paulus Kal (Cgm 1507) überliefert das System in prachtvollen, ganzseitigen Bildtafeln. Das anonyme Jörg Wilhalm-Fechtbuch (Cod.I.6.2°.5) enthält eigenständiges Material zum Kampf mit Speer und Schwert. Paulus Hector Mair kompiliert im 16. Jahrhundert das gesamte überlieferte Wissen seiner Zeit in monumentalen Handschriften (Cod. icon. 393, Cod. 10825/10826).

Moderne Praxis

In der heutigen HEMA-Praxis ist das Harnischfechten eine wachsende, aber noch kleine Nische. Die hohen Kosten für authentische Plattenrüstungen, das spezifische Sicherheitsrisiko von Halbschwertstichen und Mordstreichen sowie der Mangel an spezialisierten Trainern begrenzen die Verbreitung. Dennoch existieren in Europa und Nordamerika einige spezialisierte Gruppen, die Harnischfechten im Vollkontakt mit modifizierten Regelsystemen praktizieren.

Quellen

  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1467, Cod. icon. 394a, Bayerische Staatsbibliothek, München.
  • Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
  • Wilhalm-Fechtbuch, Cod.I.6.2°.5, Universitätsbibliothek Augsburg.
  • Mair, Paulus Hector: Cod. icon. 393, Bayerische Staatsbibliothek, München.

Sekundärliteratur

  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Wiktenauer — Harnischfechten.
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