Harnischfechten bei Jörg Wilhalm

Das eigenständige Harnischfechten-Material des Augsburger Fechtbuchs (Cgm 3711)

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Das Fechtbuch des Jörg Wilhalm (Cgm 3711, Bayerische Staatsbibliothek, München, um 1523) ist eine der letzten bedeutenden Harnischfechten-Quellen, die nicht von einem der grossen Namen der Deutschen Fechtschule stammt. Wilhalm, ein Augsburger Fechtmeister, überliefert in seiner Handschrift ein überraschend eigenständiges und von den dominierenden Traditionen — Hans Talhoffer, Paulus Kal, Paulus Hector Mair — teilweise unabhängiges Material, das eine eigene, regional geprägte Praxis des Harnischfechten — Überblicks dokumentiert.

Wilhalms Harnischfechten-Sektion umfasst im Vergleich zu den monumentalen Tafelwerken Kals und Mairs einen vergleichsweise bescheidenen Umfang, zeichnet sich jedoch durch eine Reihe von Techniken aus, die in den übrigen Quellen fehlen oder anders dargestellt werden. Die auffälligste Abweichung betrifft den Speerkampf im Harnisch. Während Talhoffer und Kal den Speer als Distanzwaffe zeigen, deren Stiche auf die Blössen des stehenden Gegners zielen, behandelt Wilhalm den Speer explizit als Werkzeug des Ringkampfs: Der Speer wird unter die Achsel des Gegners geschoben, als Hebel gegen die Beine eingesetzt und in einigen Tafeln sogar als Wurfwaffe aus dem Stand verwendet. Diese Techniken finden sich bei Talhoffer oder Kal höchstens angedeutet, werden von Wilhalm aber zu einer eigenständigen Handlungslogik verdichtet.

Anders als Talhoffer verzichtet Wilhalm auf narrative Dramatisierung; anders als Kal vermeidet er die höfische Stilisierung. Seine Darstellungen sind pragmatisch und schnörkellos. Die Figuren sind einfacher gezeichnet als in den repräsentativen Prachthandschriften, die Kompositionen weniger anspruchsvoll — dafür sind die technischen Details umso deutlicher lesbar. Wilhalm zeigt präzise, wo die Hände den Speer greifen, in welchem Winkel der Hebel angesetzt wird und wie die Beine positioniert sein müssen, um dem Hebel standzuhalten. Diese funktionale Ästhetik ist typisch für Fechtbücher von Berufsfechtmeistern, die nicht für den adligen Repräsentationszweck, sondern für die eigene Lehrtätigkeit schrieben.

Eine zweite Besonderheit Wilhalms ist die Behandlung des Übergangs vom Speer zum Schwert. In Talhoffers und Kals Darstellung ist dieser Übergang eine logische Sequenz — erst Speer, dann Schwert —, aber bei Wilhalm wird der Moment des Waffenwechsels selbst zur Technik erhoben. Der Fechter wechselt nicht einfach die Waffe, sondern nutzt den Wechsel als taktische Chance: Während der Gegner noch auf den Speer fokussiert ist, wird das Schwert in einer fliessenden Bewegung gezogen, während der Speer als Sperre oder Hebel in der anderen Hand bleibt. Diese Kombination von zwei Waffen in einer Übergangsphase ist in der übrigen Harnischfechten-Überlieferung ohne direktes Vorbild.

Die Eigenständigkeit von Wilhalms Material wirft die Frage nach der Quellensituation auf. Hat Wilhalm aus einer verlorenen Quelle geschöpft, die zwischen Talhoffer (1459) und ihm (1523) tradiert wurde? Oder repräsentiert sein Material eine praktische Fechter-Tradition, die unabhängig von den kanonischen Handschriften bestand? Der Vergleich mit der sogenannten Gladiatoria-Gruppe (um 1430–1450), die ebenfalls eigenständige Harnischtechniken — vor allem den Kampf mit der Spitze am Boden — dokumentiert, legt nahe, dass das Harnischfechten im 15. Jahrhundert von mehreren parallel existierenden, nur teilweise durch die Liechtenauer-Tradition vereinheitlichten Strömungen geprägt war.

Quellen

  • Wilhalm, Jörg: Cgm 3711, Bayerische Staatsbibliothek, München.

Sekundärliteratur

  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a. M. 1985.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Wiktenauer — Jörg Wilhalm.
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