Mairs Harnischfechten
Paulus Hector Mairs monumentale Kompilation des Harnischkampfes

Paulus Hector Mair (1517–1579) schuf im 16. Jahrhundert mit seinen monumentalen Fechtbuch-Handschriften die umfassendste Kompilation des Harnischfechtens, die aus dem deutschsprachigen Raum überliefert ist. Seine Harnischfechten-Sektionen in Cod. icon. 393 und den Wiener Handschriften Cod. 10825/10826 umfassen hunderte von Techniken und stellen das gesamte überlieferte Wissen seiner Zeit in systematisierter Form dar.
Mairs Ansatz unterscheidet sich fundamental von dem seines wichtigsten Vorgängers Hans Talhoffer. War Talhoffers Darstellung narrativ und dynamisch, so ist Mairs Methodik enzyklopädisch und taxonomisch. Jede Waffengattung erhält ein eigenes, in sich geschlossenes Kapitel: Harnischfechten mit dem Langen Schwert, mit dem Speer, mit der Stange, mit dem Dolch. Innerhalb jedes Kapitels werden die Techniken in Paaren präsentiert — eine Aktion und die zugehörige Kontrtechnik. Diese didaktische Struktur erlaubt ein systematisches Studium, das über das reine Betrachten von Illustrationen hinausgeht.
Mairs besonderer Beitrag zum Harnischfechten liegt in der Vollständigkeit und Systematik. Seine Sammlung enthält Techniken, die bei Talhoffer und Paulus Kal fehlen oder nur angedeutet sind: spezielle Halbschwert-Varianten, komplexe Hebelsequenzen im Harnischringen, der Dolcheinsatz als Kontrtechnik aus der Unterlegenheit heraus. Mair sammelt nicht nur, sondern interpretiert und ergänzt. Seine Technikdarstellungen sind präziser als die des 15. Jahrhunderts: Die Illustrationen zeigen korrekte Fußstellungen, Grifflagen und Hebelwinkel mit einer anatomischen Genauigkeit, die auf ein tiefes praktisches Verständnis schliessen lässt.
Die Harnisch-Sektionen in Mairs Werk sind zudem die ersten, die das Harnischfechten als vollwertiges, dem Blossfechten gleichgestelltes System behandeln. Während Talhoffer und Kal das Harnischfechten als Anhang oder Spezialfall präsentieren, nimmt es bei Mair denselben Umfang und dieselbe didaktische Tiefe ein wie das Blossfechten. Dies spiegelt auch die gewandelte soziale Funktion des Harnischkampfes im 16. Jahrhundert wider: Er war nicht mehr militärische Realität, sondern Fechtkunst — ein Gegenstand der Kenner und Sammler.
Die Tragik von Mairs Biographie — er wurde 1579 wegen Veruntreuung von Stadtgeldern in Augsburg hingerichtet — steht in scharfem Kontrast zur Grösse seines Werkes. Seine Handschriften blieben unveröffentlicht, wurden aber von späteren Fechtbuch-Autoren rezipiert. Heute gelten sie als unersetzliche Quelle für das Verständnis des späten Harnischfechtens.
Quellen
- Mair, Paulus Hector: Cod. icon. 393, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Mair, Paulus Hector: Cod. 10825/10826, Österreichische Nationalbibliothek, Wien.
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Wiktenauer — Paulus Hector Mair.