Mordstreich
Das Schwert als Schlagwaffe mit Knauf und Gehilz

Der Mordstreich — auch Mordhau oder Mordschlag genannt — ist eine spezifische Technik des Harnischfechten — Überblicks, bei der das Lange Schwert umgekehrt gefasst wird: Der Fechter greift mit beiden Händen die Klinge und schlägt mit dem Knauf oder dem Gehilz wie mit einem Kriegshammer auf den Gegner ein. Die Technik verwandelt das Schwert von einer Hieb- und Stichwaffe in eine stumpfe Schlagwaffe, die die Wucht eines Streitkolbens oder Hammers entfaltet.
Technik und Mechanik
Die Ausführung beginnt aus dem Halbschwert-Griff: Die linke Hand umfasst die Klingenmitte, die rechte den Griff. Zum Mordstreich wird die Waffe um 180 Grad gedreht, sodass der Knauf nach vorn-oben zeigt und die Klinge als Griff dient. Der Schlag erfolgt mit dem Knauf oder der Parierstange — ähnlich dem Schlag eines Hammers — und zielt auf Helm, Schulterplatten oder die Gelenkpartien des Harnischs. Die Hebelwirkung des langen Griffs verleiht dem Schlag enorme Durchschlagskraft, die auch durch eine Plattenrüstung hindurch Schaden anrichten kann: Der Gegner wird betäubt, die Rüstung verbeult oder die Gelenkmechanik blockiert. Anders als der Stich mit dem Halbschwert zielt der Mordstreich nicht auf die Blössen, sondern auf die Zerstörung der Rüstungsstruktur selbst.
Quellen
Hans Talhoffer zeigt den Mordstreich in seinen Fechtbüchern in ikonischen Darstellungen. Im Ms. Thott.290.2º (1459) findet sich die berühmteste Abbildung: Zwei Kämpfer im Harnisch, einer mit erhobenem Schwert im Mordstreich-Griff, bereit, den Knauf auf den Helm des Gegners niederfahren zu lassen. Paulus Kal (Cgm 1507) zeigt den Mordstreich in seinem Tafelsystem als eigenständige Technik mit zugehöriger Gegentechnik. Paulus Hector Mair integriert den Mordstreich im 16. Jahrhundert in sein umfassendes Harnischfechten-Kapitel und stellt ihn neben verschiedene Halbschwert-Stiche und Ringtechniken.
Taktischer Einsatz
Taktisch dient der Mordstreich dem Brechen der gegnerischen Verteidigung. Wo ein präziser Stich mit dem Halbschwert durch eine zu enge Öffnung scheitern kann, ist der Mordstreich die robuste Alternative: Ein gut platzierter Schlag auf den Helm kann den Gegner orientierungslos machen, ein Treffer auf die Kniekehle bringt ihn ins Straucheln, und ein Schlag auf das Ellenbogengelenk nimmt ihm die Waffenkontrolle. Der Mordstreich wird oft in Kombination mit dem Ringen im Harnisch eingesetzt: Nach einem betäubenden Schlag folgt der Wurf zu Boden.
Moderne Praxis
Im modernen HEMA-Training ist der Mordstreich aufgrund seiner Gefährlichkeit stark eingeschränkt. Selbst mit abgestumpftem Schwert und voller Schutzausrüstung birgt ein Knaufschlag auf den Helm ein hohes Risiko für Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen. Die meisten Turnier-Regelwerke verbieten den Mordstreich vollständig oder beschränken ihn auf leichtes Markieren. Im Training wird er mit gepolsterten Simulatoren, in Langsamkeit und unter strenger Kontrolle geübt.
Quellen
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1467, Cod. icon. 394a, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Mair, Paulus Hector: Cod. icon. 393, Bayerische Staatsbibliothek, München.
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Wiktenauer — Mordstreich.