Der Harnisch — Konstruktion und Komponenten
Die anatomischen Bestandteile der Plattenrüstung und ihre Bedeutung für das Harnischfechten

Die Plattenrüstung des 15. und 16. Jahrhunderts ist ein hochkomplexes, aus Dutzenden von Einzelteilen bestehendes System, dessen einzelne Komponenten im Harnischfechten — Überblick jeweils spezifische Angriffs- und Verteidigungsfunktionen erfüllen. Ein detailliertes Verständnis dieser anatomischen Bestandteile ist für die Interpretation der Fechtbuch-Illustrationen — von Hans Talhoffer über Paulus Kal bis zu Paulus Hector Mair — unverzichtbar.
Der Helm
Der Helmtypus ist im 15. Jahrhundert überwiegend die Beckenhaube und die sich daraus entwickelnde Schaller, die durch ihre tief heruntergezogene Form und das separate Kinnreff besseren Schutz bietet. Die späte Schaller mit hochklappbarem Visier erreicht den für das Harnischfechten typischen Gesichtsschutz. Der Visierschlitz — der schmale horizontale Sehspalt — ist die tödlichste Blösse des Harnischs und das bevorzugte Ziel des Halbschwert-Stichs.
Hals und Schultern
Die Halsberge (auch Panzerkragen oder Kropf) ist ein mehrteiliger Plattenkragen, der den Übergang vom Helm zur Brustplatte abdeckt und vor allem den Kehlkopf und die Halsschlagader schützt. Sie ist im Harnischfechten eine der wichtigsten Komponenten, da ein Stich in den Hals ohne sie sofort tödlich wäre. Die Halsberge schmiegt sich eng an den Hals und erlaubt Drehbewegungen des Kopfes, während sie die empfindliche Halszone abdeckt.
Die Schulterpanzerung besteht aus symmetrischen oder asymmetrischen Achselplatten (Schulterstücke), die von der Schulterhöhe bis zum oberen Brustbereich reichen. In ihrer Lücke — der Achselhöhle — entsteht jene Blösse, die fast alle Halbschwert-Illustrationen Talhoffers und Kals als Ziel zeigen. Die linke Achsel ist im Harnischfechten typischerweise grösser und massiver gepanzert als die rechte, da sie beim Ausfall dem gegnerischen Stich zugewandt ist.
Rumpf
Die Brustplatte ist das grösste Einzelstück des Harnischs. Sie ist gewölbt, um Hiebe abgleiten zu lassen, und in der Taille stark eingezogen (sogenannte Wespentaille), um das Gewicht auf die Hüfte zu verlagern. Die Brustplatte ist im Harnischfechten nahezu undurchdringlich für Schnitte und die meisten Stösse — selbst ein Halbschwert-Stich mit maximalem Druck wird an einer gut geschmiedeten Brustplatte abgleiten. Der einzige Angriff, der gegen den Brustpanzer wirksam bleibt, ist der Mordstreich.
Das Armzeug besteht aus Oberarmröhre, Ellbogenkachel und Unterarmröhre. Die Panzerhandschuhe (Hentzen) bedecken die Hände und sind an der Innenseite meist ungepanzert — eine Blösse, die im Ringen im Harnisch gezielt attackiert wird.
Unterkörper
Das Beinzeug umfasst Diechlinge (Oberschenkel), Kniekacheln mit seitlichen Flügeln und Beinröhren (Unterschenkel). Die Kniekehle ist die grösste Blösse des Harnischs, im Stehen von der Kniekachel verdeckt, und öffnet sich erst beim Knien — daher wird der Dolchstich in die Kniekehle systematisch nach dem Wurf des Gegners angesetzt.
Die Bauchreifen sind schmale, horizontale Platten unterhalb der Brustplatte. Ein Panzerrock (Tassets) schützt die Hüften. Diese Komponenten sind leichter und verwundbarer als die Brustplatte — ein kraftvoller Stich mit dem Kurzen Speer kann sie unter Umständen durchdringen.
Quellen
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Mair, Paulus Hector: Cod. icon. 393, Bayerische Staatsbibliothek, München.
Sekundärliteratur
- Oakeshott, Ewart: European Weapons and Armour. Woodbridge 2012.
- Wiktenauer — Harnischfechten.