Harnisch — Die Blössen
Die verwundbaren Stellen in der Plattenrüstung

Im Deutsche Fechtschule bezeichnen die Vier Blössen die vier Angriffslinien des ungeschützten Körpers: die oberen Blössen (Kopf, rechte Schulter) und die unteren Blössen (Unterleib, linke Seite). Im Harnischfechten — Überblick verschiebt sich dieses Konzept fundamental. Die Plattenrüstung deckt die vier Blössen des blossen Körpers nahezu vollständig ab — stattdessen entstehen neue, durch die Konstruktion der Rüstung selbst bedingte Öffnungen, die der Fechter kennen und gezielt ansteuern muss.
Die primären Blössen im Harnisch sind: die Achselhöhlen — dort, wo Brustplatte und Armzeug aufeinandertreffen, bleibt ein Spalt, der sich beim Heben des Armes weitet; die Kniekehlen — die Rückseite des Beins zwischen Ober- und Unterschenkelpanzerung ist die grösste und zugleich am schwersten zu treffende Blösse; das Visier — der Sehschlitz des Helms ist die verwundbarste Stelle überhaupt, da ein Stich durch das Visier sofort tödlich wirkt; der Hals — die Übergangszone zwischen Helm und Brustpanzer, je nach Helmform nur durch einen Panzerkragen geschützt; die Handgelenke — die Innenfläche der Panzerhandschuhe ist oft ungepanzert, um Beweglichkeit zu gewährleisten; und das Genick — nach einem Sturz die vielleicht verletzlichste Stelle des Gewappneten, da der Helm nach vorn kippt und den Nacken freigibt.
Anders als beim Blossfechten können diese Blössen nicht mit Schnitten oder flachen Hieben attackiert werden — die Rüstung leitet jede Schneidenwirkung ab. Erforderlich ist ein präziser, kraftvoller Stich mit schmaler Klinge, geführt im Halbschwert-Griff oder mit dem Der Kurze Speer im Harnisch, der wie ein stumpfes Stilett wirkt. Die Genauigkeit des Stichs ist entscheidend: Schon eine Abweichung von wenigen Zentimetern lässt die Klinge an der Panzerplatte abgleiten.
Die Quellen zeigen die Blössen nicht als abstraktes Konzept, sondern in der unmittelbaren technischen Anwendung. Hans Talhoffer illustriert, wie der Fechter die Klinge in die Achselhöhle des Gegners stösst, während dieser zum Schlag ausholt. Im Ringen im Harnisch werden die Blössen am Boden erreichbar: Der geworfene Gegner bietet die Kniekehlen, das Visier und das Genick dar, und der Dolchstich in eine dieser Öffnungen beendet den Kampf.
Quellen
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Mair, Paulus Hector: Cod. icon. 393, Bayerische Staatsbibliothek, München.
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
- Wiktenauer — Harnischfechten.