Tritte und Stösse im Harnisch

Fußtritte gegen Kniekehlen und Gelenke — Ringen als integraler Bestandteil des Harnischfechtens

technikharnischfechtenringen

Tritte und Stösse sind im Harnischfechten — Überblick keine Hilfstechniken, sondern ein wesentlicher, in den Quellen mit bemerkenswerter Häufigkeit dargestellter Bestandteil des Kampfes in Rüstung. Die Fechtbücher von Hans Talhoffer, Paulus Kal und Paulus Hector Mair zeigen Fußangriffe gegen die unteren Gelenke des Harnischs mit einer Selbstverständlichkeit, die darauf hindeutet, dass diese Techniken im ritterlichen Kampf nicht Ausnahme, sondern reguläre Taktik waren.

Der biomechanische Grund für die Prominenz der Fußtritte liegt in der Konstruktion der Rüstung. Die Beine des Gewappneten sind massiv gepanzert — Diechlinge, Kniekacheln und Beinröhren schützen die untere Extremität gegen Hiebe und die meisten Stösse. Aber das Gewicht dieser Panzerung macht die Beine träge und langsam, und die Kniekehle — die Rückseite des Gelenks, an der Ober- und Unterschenkelpanzerung aufeinandertreffen — ist eine der grössten und im Stehen schwer zu deckenden Blössen des gesamten Harnischs. Ein kräftiger Fußtritt in die Kniekehle lässt das Bein des Getroffenen einknicken, stört sein Gleichgewicht und zwingt ihn, die Deckung zu öffnen oder zu Boden zu gehen. Aus diesem Moment der Destabilisierung entstehen die entscheidenden Anschlussaktionen: der Mordstreich gegen den taumelnden Gegner, der Halbschwert-Stich in die nun offene Achsel oder das Visier, oder der Übergang zum Ringen im Harnisch.

Talhoffers Harnisch-Tafeln im Ms. Thott.290.2º (1459) zeigen den Fußtritt in mehreren Varianten. Eine ikonische Illustration zeigt den beidhändigen Tritt, bei dem ein Kämpfer mit voller Wucht gegen die Brust oder den Schild des Gegners springt, um ihn zu Boden zu werfen. Eine andere Tafel zeigt den präzisen Tritt gegen das Knie des Gegners von der Seite — eine Technik, die im modernen Kampfsport als “obliterating kick” bezeichnet würde und die darauf abzielt, das Gelenk zu überstrecken. Talhoffer verzichtet in diesen Szenen auf jede Rücksichtnahme: Die Tritte sind mit voller Kraft und Ernsthaftigkeit dargestellt, was ihre Bedeutung als kampfentscheidende Aktionen unterstreicht.

Paulus Kal integriert Tritte und Stösse in sein Aktion-Kontrtechnik-Schema. Er zeigt den Tritt gegen die Kniekehle als Aktion, gefolgt von einer Ausweichbewegung des Gegners, der sein Bein zurückzieht und mit einem Gegenstoss gegen den Oberkörper des Tretenden antwortet. Diese kontrtechnische Behandlung macht sichtbar, dass auch die scheinbar simple Technik des Tritts taktisches Timing erfordert und im System der Liechtenauer-Tradition derselben Logik folgt wie die Klingenaktionen: Aktion, Fühlen der Reaktion, Gegenaktion.

Die Funktionalität der Tritte im Harnischkampf ist eng mit dem Schuhwerk verknüpft. Die Panzer-Bärenschuhe des 15. Jahrhunderts sind breit, plump und mit Stahlkappen verstärkt — sie wirken beim Tritt wie ein Hammer und können selbst durch massive Plattenpanzerung Knochenbrüche und Gelenkschäden verursachen. Im 16. Jahrhundert weichen sie den schmaleren Kuhmaulschuhen, die weniger Trittwucht, aber bessere Beweglichkeit bieten und mit dem Übergang zur Dreiviertelrüstung und dem Niedergang des vollständigen Plattenharnischs korrespondieren.

Quellen

  • Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
  • Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
  • Mair, Paulus Hector: Cod. icon. 393, Bayerische Staatsbibliothek, München.

Sekundärliteratur

  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Wiktenauer — Ringen im Harnisch.
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