Thott 290 2°
Talhoffer 1459

Überblick
- Signatur: Thott 290 2°, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen
- Datierung: 1459
- Sprache: Frühneuhochdeutsch (spärlich, primär Bildhandschrift)
- Aufbewahrungsort: Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen
- Autor: Hans Talhoffer
Inhalt
Die Handschrift Thott 290 2° ist das älteste und zugleich bekannteste Fechtbuch des Hans Talhoffer – eines der profiliertesten Fechtmeister des 15. Jahrhunderts, der als Lehrmeister, Schiedsrichter in gerichtlichen Zweikämpfen und Autor mehrerer prachtvoll illustrierter Fechthandschriften wirkte. Die 1459 datierte Handschrift ist eine der reichsten und künstlerisch anspruchsvollsten Bildquellen der gesamten Deutschen Fechtschule.
Anders als die textlastigen Glossen der Deutsche Fechtschule ist Talhoffers Werk primär eine Bildhandschrift. Der spärliche Text beschränkt sich auf knappe technische Beischriften, während das Hauptgewicht auf den detaillierten, oft ganzseitigen kolorierten Federzeichnungen liegt. Diese zeigen Fechterpaare in charakteristischen Kampfsituationen und erlauben so eine visuelle Rekonstruktion der Techniken.
Inhaltlich deckt die Handschrift das gesamte Spektrum des spätmittelalterlichen Kampfwesens ab: das Blossfechten mit dem Langen Schwert, das Fechten im Harnisch, das Kämpfen zu Pferd, das Ringen — Überblick, den Gerichtskampf sowie – besonders bemerkenswert – die Verwendung von Kampfschilden. Talhoffer stellt dabei nicht nur einzelne Techniken dar, sondern ganze Kampfsequenzen, die den Verlauf eines Gefechts vom ersten Angriff bis zur Entscheidung nachvollziehbar machen.
Die Kampfschild-Abschnitte sind von besonderem forschungsgeschichtlichem Wert, da es sich um eine selten dokumentierte Waffengattung handelt. Ebenfalls einzigartig sind die Darstellungen von Gerichtskämpfen zwischen Mann und Frau mit spezifischen Regelwerken und Ausrüstungsarrangements.
Stellung in der Liechtenauer-Tradition
Talhoffer steht in der Deutsche Fechtschule, wie die Kenntnis der Zornhaue und der Vier Lagen belegt, geht jedoch über den reinen Zettel-Kommentar hinaus und präsentiert ein umfassendes Kampfsystem für verschiedenste Kontexte. Seine Handschriften sind ein Fenster in die gelebte Kampfpraxis des 15. Jahrhunderts.
Editionen und Forschung
- Mark Rector: Medieval Combat: A Fifteenth-Century Illustrated Manual of Swordfighting and Close-Quarter Combat. Greenhill Books, 2000. Englische Übersetzung mit farbigen Reproduktionen.
- Hans Talhoffer, hrsg. v. Dierk Hagedorn: Fechtbuch von 1459. VS-Books, Herne 2017. Vollständiges Faksimile mit Transkription und Übersetzung.
- Jeffrey L. Hull: Fighting with the German Longsword. Paladin Press, 2008 (bezieht sich auf Talhoffers Illustrationen).