Kampf mit dem Speer

Spieß und Speer in der Liechtenauer-Tradition

waffespeerharnischfechtenLiechtenauer

Der Speer als universelle Kriegswaffe

Der Speer (in den Quellen meist Spieß oder Spieß) ist die älteste Jagd- und Kriegswaffe der Menschheit. Im Kontext der Deutschen Fechtschule erscheint er in zwei distinkten Rollen: als Primärwaffe des Harnischfechten — Überblicks — der voll gerüstete Ritter führt den Spieß in der ersten Phase des Kampfes, bevor er zum Langen Schwert oder Dolch greift — und als Waffe des Rossfechten — Überblicks, wo der Spieß unter dem Arm eingelegt (eingelegter Spieß) den Ritterangriff der Kavallerie bestimmt. Der Langspieß (Pike) von 4–5 m Länge gehört dem militärischen Kontext an — er ist die Waffe der Landsknechtsformationen des 15. und 16. Jahrhunderts und erscheint in den Fechtbüchern nur sporadisch, da er weniger Einzelkampf- als Formationswaffe war.

Quellenlage

Die frühesten Darstellungen des Speerkampfes in der deutschen Fechtliteratur finden sich bei Hans Talhoffer. In Thott 290 2° (1459) widmet Talhoffer dem Spieß mehrere Tafeln, die den Zweikampf im Harnisch zeigen: Den ersten Gang mit dem Spieß, gefolgt vom Langschwert, schließlich dem Dolch und dem Ringen — Überblick. Dies ist die klassische Eskalationssequenz des Harnischfechten — Überblicks. Die Techniken umfassen das Einlaufen — unter der gegnerischen Spießklinge hindurchtauchen und den eigenen Spieß als Hebel am Körper des Gegners ansetzen — und das Versetzen der Spießstöße mit dem eigenen Schaft. Paulus Kal (Cgm 1507) enthält ebenfalls Spießtechniken im Harnisch und zeigt die enge Verflechtung mit Ringelementen. Joachim Meyer behandelt den Spieß im Rahmen der Stangenwaffen in seinem Druck von 1570, wobei sein Fokus auf der Langen Stange als Übungswaffe liegt.

Technisches Repertoire

Der Spießkampf operiert in drei Technikbereichen. Stoß: Mit beiden Händen wird die Spitze kraftvoll und präzise auf die Gesichts- oder Brustpartie des Gegners vorgetrieben — die primäre Angriffsbewegung des Spießes. Im Harnischfechten — Überblick zielt der Stoß besonders auf die Visierspalten, Achselhöhlen und Kniekehlen als ungeschützte Blößen der Rüstung. Schlag: Der lange Schaft wird als Schlagwaffe eingesetzt — ein beidhändiger Schlag mit dem Schaftende oder ein Schwung mit dem Schwerpunkt der Klinge. Im Harnisch kann ein Schaftschlag auf den Helm den Gegner betäuben oder in die Knie zwingen. Hebel und Ringtechniken: Der Schaft fungiert als maximal langer Hebelarm, mit dem der Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht (Niederringen) oder dessen Waffe kontrolliert wird. Talhoffers Illustrationen zeigen, wie der Fechter den gegnerischen Spießschaf unter die eigene Achsel klemmt, um den Gegner in den Durchlaufen und zum Ringen — Überblick zu zwingen.

Speerfechten als militärische Fertigkeit

Im Unterschied zum Langschwert-Fechten, das stark von zivilen Duell- und Turniertraditionen geprägt ist, bleibt der Spieß primär eine militärische Waffe. Die Spießtechnik wird in den Quellen konsequent im Rüstungskontext gelehrt, als Teil der Eskalation vom Fern- zum Nahkampf. Die Formationspike des Landsknechts — 5 m Länge, beidhändig geführt in geschlossenen Gevierten — ist in den erhaltenen Fechtbüchern nicht systematisch dargestellt; sie gehört in den Bereich der Exerzierreglements,Fechtbücher.

Moderne Praxis

Speerfechten nach historischen Quellen ist im modernen HEMA extrem randständig. Sicherheitsbedenken, logistische Hürden und die enge Bindung an das ohnehin spezialisierte Harnischfechten — Überblick limitieren die praktische Rekonstruktion. Gruppen, die Harnischfechten — Überblick nach Talhoffer praktizieren, integrieren den Spieß als erste Phase des Kampfablaufs, und spezialisierte Workshops auf internationalen Events bieten gelegentliche Einführungskurse in die Spießexerzitien nach Kal und Talhoffer. Die Fragmentarität der Quellenlage und die fehlenden standardisierten Übungsgeräte machen das Speerfechten zu einer der anspruchsvollsten Rekonstruktionsdisziplinen überhaupt.

Quellen

  • Talhoffer, Hans: Thott 290 2° (1459), Det Kongelige Bibliotek Kopenhagen.
  • Kal, Paulus: Cgm 1507 (um 1470), Bayerische Staatsbibliothek München.
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570. Buch 4.
  • Wiktenauer: Spear
Nach oben ↑