Ringen — Würfe und Hebel
Wurftechniken und Hebel im historischen Ringen nach den Quellen

Die Wurf- und Hebeltechniken bilden den technischen Kern des historischen Ringen — Überblicks. Anders als im modernen Sportringen sind die Techniken der Quellen nicht auf Punktgewinne oder Positionsvorteile ausgelegt, sondern auf die unmittelbare Kampfunfähigkeit des Gegners — sei es durch Wurf auf harten Boden, durch Gelenkzerstörung oder durch die Vorbereitung eines Dolch-Stichs.
Der Hüftwurf ist eine der zentralen Techniken in Talhoffers und Auerswalds Ringer-Darstellungen. Der Ringer dreht sich in den Gegner hinein, bringt seine Hüfte vor dessen Körper und zieht ihn mit einem gleichzeitigen Ruck an Arm und Nacken über die Hüfte zu Boden. Talhoffers Illustrationen des Hüftwurfs zeigen die klassische Mechanik: Der Werfer hat die Hüfte tief angesetzt, der Gegner ist bereits in der Luft, die Beine haben den Bodenkontakt verloren. Entscheidend ist der engesetzte Schritt — der Ringer muss so nah an den Gegner herantreten, dass seine Hüfte als Drehpunkt wirken kann.
Das Beinstellen — in den Quellen oft als “Füßen” oder “Bein stellen” bezeichnet — ist eine Technik, die die untere Körperhälfte des Gegners angreift. Der Ringer setzt seinen Fuß vor oder hinter das Bein des Gegners und bringt ihn durch gleichzeitigen Oberkörperdruck aus dem Gleichgewicht. Talhoffer zeigt das Beinstellen als Kombinationstechnik: Der Fuß blockiert den Schritt des Gegners, während die Hände an Arm oder Nacken einen Zug in die blockierte Richtung ausüben. Der Gegner kann nicht ausweichen und stürzt über das blockierte Bein.
Der Aussenhebel (auch “Überziehen” genannt) greift das gegnerische Armgelenk von aussen an. Der Ringer fixiert den Arm des Gegners mit beiden Händen und dreht das Ellenbogengelenk gegen seine natürliche Bewegungsrichtung nach aussen. Paulus Kal zeigt diese Technik in Cgm 1507 in mehreren Varianten, wobei die Hebelwirkung durch einen Schritt hinter den Gegner verstärkt wird. Der Aussenhebel ist besonders effektiv, weil er den Gegner nicht nur ins Ungleichgewicht bringt, sondern das Gelenk selbst angreift und bei voller Ausführung zerstört.
Auerswalds Ringer kunst (1539) systematisiert die Wurf- und Hebeltechniken in einer bis dahin unerreichten didaktischen Qualität. Seine 85 Techniken sind in aufeinander aufbauenden Paaren organisiert: Eine Wurf- oder Hebeltechnik wird von ihrer Kontrtechnik gefolgt, sodass der Schüler nicht nur den Angriff, sondern auch die Verteidigung lernt. Besonders die Würfe von der Schulter — bei denen der Gegner über die Schulter des Werfers ausgehoben und vor ihm abgeworfen wird — sind in Auerswalds System prominent vertreten und weisen auf die enge Verwandtschaft zwischen historischem und modernem Ringen hin.
Allen Wurf- und Hebeltechniken gemeinsam ist das Prinzip der minimalen Kraft, maximalen Wirkung: Der Ringer nutzt das Gewicht und die Bewegung des Gegners, nicht seine eigene Muskelkraft. Dieses Prinzip durchzieht die Quellen als implizite Lehre und ist einer der Gründe, warum das historische Ringen auch von körperlich unterlegenen Fechtern effektiv eingesetzt werden konnte.
Quellen
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459, Ms. Thott.290.2º, Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen.
- Kal, Paulus: Cgm 1507, Bayerische Staatsbibliothek, München.
- Auerswald, Fabian von: Ringer kunst: fünf und achtzig Stücke. Wittenberg 1539.
Sekundärliteratur
- Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Pfaffenweiler 1993.
- Wiktenauer — Ringen.