Messer bei Lecküchner

Das System des Nürnberger Messermeisters

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Johannes Lecküchner

Johannes Lecküchner († 1482) wirkte als Pfarrer in Herzogenaurach bei Nürnberg und zählt zu den bedeutendsten Fechtmeistern des 15. Jahrhunderts. Anders als viele seiner Zeitgenossen — Hans Talhoffer oder Paulus Kal, die als Fechtmeister an Adelshöfen dienten — war Lecküchner Kleriker, was sein intellektuelles Profil und die akademisch anmutende Systematik seines Werkes erklären mag. Welchen Zugang ein Pfarrer zur Fechtkunst hatte, ist nicht vollständig geklärt; die Nürnberger Fechtgesellschaften boten jedoch auch Bürgerlichen Ausbildungsmöglichkeiten.

Das Werk: Cod. Pal. Germ. 430

Lecküchners Fechtbuch, der Cod. Pal. Germ. 430 (Universitätsbibliothek Heidelberg, datiert 1482), ist das umfangreichste erhaltene Messerfechtbuch des europäischen Mittelalters. Auf über 400 Seiten entfaltet es ein vollständig durchorganisiertes Fechtsystem für das Langes Messer — mit eigenen Merkversen, die formal und funktional Liechtenauers Zettel entsprechen, gefolgt von ausführlichen Prosakommentaren (Glossen). Das Manuskript übertrifft an Umfang und Detailgrad jede vergleichbare Handschrift der Deutschen Fechtschule — das Blossfechten der Hs. 3227a, der umfangreichsten Langschwert-Quelle, umfasst etwa 80 Seiten.

Systematik: Adaption des Langschwerts

Lecküchner adaptiert das Liechtenauersche Langschwert-System konsequent für das Messer. Die Parallelen sind strukturell und terminologisch präzise — mit einer wichtigen Ausnahme: Lecküchner zählt sechs verborgene Haue, von denen nur der Zornhaw dem Liechtenauerschen entspricht (siehe Lecküchners Meisterhaue am Messer). Es gibt keinen Messer-„Krumphau" und keine direkten Entsprechungen für Zwerch-, Schiel- und Scheitelhau:

Langschwert Messer (Lecküchner)
Ochs (Ochs, Pflug, Alber, Vom Tag) Vier Huten (Stier, Eber, Pflug, Wechsel)
Zornhau Zornhaw (mit Zornort als Stich)
Fünf Haue Sechs Haue: Zornhaw, Wecker, Entrüsthaw, Zwinger, Geferhaw, Wincker
Vier Versetzen Vier Versetzen

Die konzeptionellen Kernbegriffe — Vor Nach Indes, Sprechfenster und Fühlen, Stark und Schwach, das Winden am Schwert — werden nahezu unverändert übernommen. Lecküchner transferiert nicht nur Techniken, sondern das gesamte taktische Framework der Liechtenauer-Tradition.

Besonderheiten des Lecküchnerschen Systems

Die einschneidige Klinge des Messers bedingt spezifische Modifikationen. Lecküchner betont Schnitttechniken (durchziehen, abschneiden, überschneiden) in einem Maß, das über das Langschwert-Repertoire hinausgeht. Die Hand-Schnitte — gezielte Hiebe auf die Hand oder den Unterarm des Gegners — bilden eine eigene taktische Kategorie, begünstigt durch die fehlende Parierstange des Messers. Der Nagel (Parierstift) erhält bei Lecküchner systematische Behandlung als Hebelpunkt und Bindungselement. Das Kapitel zum Durchlaufen und Messer-Ringen zeigt enge Verflechtungen mit der Ringen — Überblick-Tradition.

Moderne Praxis

Lecküchners Werk bildet die zentrale Primärquelle des modernen Messerfechtens in HEMA. Die detaillierten Glossen ermöglichen eine präzisere Rekonstruktion als die knapperen illustrierten Quellen Talhoffers oder Kals. Die Edition von Falko Fritz (2019) und die Forschungsarbeiten von Olivier Dupuis haben die wissenschaftliche Basis entscheidend verbreitert. Internationale Messer-Turniere und spezialisierte Workshops dokumentieren die anhaltende Aktualität des Lecküchnerschen Systems.

Primärtext

Das ist herrn hansen Lecküchnerß von Nûrnberg künst und zedel ym messer dy er selbs gemacht und getichtt hatt den text und dÿ auslegüng daruber etc.

Ob dw wild achten, Messer vechten betrachten, So leren dinck daß dich zyrtt, Zw schympff zu ernest hofirtt, Da mit dw erschreckest, Und dy meyster kunstenlich erbeckest.

Hye hebt sich an dy vor rede ym messer und sagtt wer woll vechten ym messer das er soll lerenen rechte kunst und sich geben auff dyse nach geschriben art und kûnst so mag er wol pestan mitt rechter kunst vor fuersten und vor herren ym soll aych pillicher seyner kunst paß geluenet werden den anderen meysteren dye dyser dinck nicht wyssen und sich nicht dar eyn kunnen schicken wann eß syn vill meysteren des swercz dye nicht wyssen von der artt deß messers noch rechtt aussynnen mugen wer sich aber yn dyse ding undartt schicken kann der findt vill ernestlicher stuck da mit er dy meyster wol mag uff wecken und kunstenlichen weschlyssen daß sy sich an danck schlagen stossen fueren werffen halten mussen lassen.

— Cod. Pal. Germ. 430, fol. 2r–2v (Lecküchners Vorrede, verbatim).

Quellen

  • Cod. Pal. Germ. 430, Universitätsbibliothek Heidelberg (Digitalisat online).
  • Fritz, Falko: Der Lecküchner. Faksimile, Transkription und Übersetzung. VS-Books, 2019.
  • Dupuis, Olivier: The Messer of Johannes Lecküchner. Acta Periodica Duellatorum, 2017.
  • Wiktenauer: Johannes Lecküchner
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