Lecküchners Meisterhaue am Messer

Die sechs verborgenen Haue des Messerfechtens

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Die sechs verborgenen Haue

Johannes Lecküchner überträgt das Konzept der verborgenen Haue auf das Lange Messer — zählt aber sechs, nicht fünf, und nur ein einziger davon deckt sich mit den Liechtenauerschen Haue: der Zornhaw. Die übrigen fünf sind eigenständige Neuschöpfungen für die einschneidige Klinge:

  1. Zornhaw — der einzige gemeinsame Hau mit Johannes Liechtenauers System. Der kraftvolle Angriff, aus dem der Zornort (der Stich) entwickelt wird.
  2. Wecker — der „Wecker": ein Hieb, der den Gegner aus seiner Hut „aufweckt" und zur Reaktion zwingt.
  3. Entrüsthaw — der „Entrüst-Hau": ein schneller, gleichsam „entrüsteter" Hau, der eine begonnene Bewegung des Gegners unterbricht.
  4. Zwinger — der „Zwinger": ein Hieb, der den Gegner in eine missliche Lage zwingt. Siehe Der Zwinger (Lecküchner).
  5. Geferhaw — der „Gefährhau": ein gefährlicher, schwer lesbarer Hau mit verdeckter Bahn.
  6. Wincker — der „Winker": ein Hieb mit täuschender, „winkender" Vorbereitung, der die Deckung auf eine falsche Seite lockt.

Abgrenzung zu Liechtenauer

Der früher in der Literatur verbreitete Gedanke, Lecküchner habe einfach Liechtenauers fünf Haue übernommen, ist nicht haltbar. Nur der Zornhaw ist gemeinsam. Die vermeintlichen Entsprechungen „Krump = Krumphau", „Zwerch = Zwerchau" usw. sind moderne Rückprojektionen: Lecküchner kennt keinen „Krumphau" als Haue (vgl. Krump versetzen), und seine Haue Wecker, Entrüsthaw, Zwinger, Geferhaw und Wincker haben im Liechtenauerschen Zettel kein direktes Vorbild.

Der Unterschied liegt im taktischen Charakter: Liechtenauers fünf Haue sind primär Brechungen bestimmter Huten und Angriffe. Lecküchners sechs Haue sind stärker proaktiv und täuschend angelegt — Wecker, Wincker und Geferhaw arbeiten mit Täuschung und Tempowechsel, was der kürzeren, wendigeren Messerklinge entspricht.

Praktische Besonderheiten

Das Messer erlaubt durch seine Kürze und Wendigkeit besonders schnelle, aus dem Handgelenk geschlagene Haue. Lecküchner betont die Bedeutung des Nagels — er dient als Drehpunkt beim Winden und als Führungspunkt für die präzise Handgelenksführung. Die sechs Haue sind für das Einhand-Fechten optimiert und erfordern eine Handgelenkskontrolle, die über der des beidhändigen Langschwerts liegt.

Primärtext

Sechs hew lere, Auß eyner handt wyder dy were, Dy linck handt leg auff die rucken, Auff dye prüst wiltu wer czucken.

Hye lert der meyster wye man sych halten sol yn dem vechten deß messerß und wye man sich dar eyn sol schicken und züm ersten söltu mit eyner hendt vechten mit dem messer und dy ander soltu auff dem rück haben ob dw aber wild mit lerer hand vechten alz mit messer nemen ubergreiffen arm beschlyssen etc So solt dw dy hand von dem rück auff dy prust wenden waß dw ym wild ynbendig vber den armen treyben etc.

Czoren haw wecker, Entrust hatt czwinger gefer mit wincker.

Hye nendt der meyster dy sechs verporgen hew wye yczlicher mit namen hayst auff daß dw dy stuck dester paß vernemen mügst und spricht daß der erst hayst der czoren haw der ander der wecker der dridt der entrust haw der feyert der czwinger fünft der gefer haw und der sechst hayst der wincker daß seyn sechß stuck und seyn der hawbt stuchk alz dw her nach horen wirst etc.

— Cod. Pal. Germ. 430, fol. 4v–5r (Lecküchners „Sechs verborgen Haue", verbatim).

Quellen

  • Cod. Pal. Germ. 430.
  • Fritz, Falko: Der Lecküchner. VS-Books, Herne 2019.
  • Żabiński / Mitchell / Fritz: Lecküchner-Transkription auf Wiktenauer.
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