Krump versetzen (Lecküchner)
Das krumme Versetzen in Lecküchners Messer-System

Abgrenzung zum Krumphau
Ein verbreitetes Missverständnis ist, Johannes Lecküchner habe den Liechtenauerschen Krumphau auf das Messer übertragen. Das ist nicht der Fall. Lecküchner kennt keinen „Krumphau" als benannte Technik. Bei ihm erscheint krump ausschließlich als Adjektiv/Adverb — als eine Qualität der Bewegung: das krumme (gekrümmte, gebogene) Führen der Klinge.
Das betrifft vor allem das krump versetzen (krummes Versetzen/Abweisen) und das krump hauen (krumm hauen). Der Begriff bezeichnet also die Bahnform der Klinge, nicht einen feststehenden Meisterhau mit eigenem Namen wie bei Liechtenauer. Die Gleichsetzung „Krump = Krumphau" ist eine moderne Übertragung, die die Lecküchnersche Terminologie verfälscht.
Primärtext
[107v.2]
Krümp wer verseczet Wynd stich er wirtt geleczet Der wynten soltu dich remen An der krüm weyßlich ler abnemen
Glosa: Hye sagtt der meyster wenn dir ymant mit der krüm verseczt wye dw dich gegen ym solt halten So ir peyde an gepunden habt vnd dw ligst auff seym messer vnd er ligt vnter deynem Thw ym alzo ligt er auff deyner lincken seytten gegen dir oder an dir gegen deyner rechten seytten vnd hast auff seyn messer aüch gepunden daß sy stümpff schneyd gegen dem man stet yndeß wynd deyn messer mit der langen oder scharpffen schneyden ym auff seyn haubtt
Auslegung
Der Vers gliedert sich in zwei Hälften:
Erste Hälfte — die Bedrohung: Krümp wer verseczet / Wynd stich er wirtt geleczet — wer mit der Krumme (krumm) versetzt, dem wird durch Winden und Stechen Verletzung bereitet. Lecküchner behandelt das krumme Versetzen also nicht als etwas, das man selbst ausführt, sondern als eine Gefahr, der man begegnen muss: Versetzt der Gegner krumm, so wird er durch das Winden und den Stich überwunden.
Zweite Hälfte — die Lösung: Der wynten soltu dich remen / An der krüm weyßlich ler abnemen — der Winden sollst du dich bedienen (wörtlich: „der Winden sollst du dich rühmen"), und an der Krumme lerne weislich (klug) abzunehmen.
Die Glose konkretisiert die Antwort: Sind beide Messer angebunden und liegt das eigene Messer auf dem gegnerischen (oder umgekehrt), so soll der Fechter — je nachdem, auf welcher Seite der Gegner liegt — indes das Messer mit der langen (scharfen) Schneide winden und ihn am Haupt treffen.
Mechanik und Taktik
Das krump versetzen bezeichnet eine gebogene Abwehrbewegung: Der Fechter fängt die gegnerische Klinge nicht gerade, sondern in einem Bogen, und drückt sie zur Seite. Gegen ein solches krummes Versetzen empfiehlt Lecküchner nicht etwa einen Gegenhieb, sondern die Bindungsarbeit:
- Fühlen in der Bindung: Liegt man im Band (Messer auf Messer), erkennt man über den Druck, auf welcher Seite der Gegner seine Klinge hält.
- Winden: Entsprechend windet man mit der langen Schneide und bringt den Ort zum Kopf des Gegners.
- Stich: Der Windung folgt der Stich — wynd stich er wirtt geleczet.
Der Nagel des Messers spielt dabei als Führungs- und Hebelpunkt eine zentrale Rolle: Der Daumen am Nagel erlaubt die präzise Steuerung der Klinge beim Winden.
Abgrenzung in der Praxis
Der Unterschied zum Langschwert-Krumphau ist fundamental: Der Krumphau Liechtenauers ist ein aktiver Angriffshieb auf die Hände des Gegners. Das krump versetzen Lecküchners ist eine Abwehrqualität, und die zugehörige Lehre behandelt, wie man gegen eine solche Abwehr vorgeht. Wer das krumme Versetzen mit dem Krumphau gleichsetzt, verwechselt eine Bewegungseigenschaft mit einer benannten Technik.
Quellen
- Cod. Pal. Germ. 430, fol. 107v.
- Fritz, Falko: Der Lecküchner. VS-Books, Herne 2019.
- Żabiński, Grzegorz / Mitchell, Grzegorz / Fritz, Falko: Lecküchner-Transkription auf Wiktenauer.