Zettel — Allgemeine Lehre
Vor, Nach, Stärke und die Aktionsarten — die Quintessenz der Liechtenauer'schen Systematik

Allgemeine Lehre
Liechtenauers Zettel
Die „Allgemeine Lehre" bildet den zweiten Abschnitt des Zettels und liefert in komprimiertester Form die Prinzipien, auf denen das gesamte System ruht:
Höre was da schlecht ist fechten mit dem langen swert nichts anders ist dann vor vnd nach wa dein stercke Der wegen so bedencke
Haw stich sneit drücken lossen stoßen schütten
Der Text ist in den Handschriften relativ einheitlich überliefert, wobei einzelne Wortvarianten (schlecht vs. recht, wegen vs. begen) vorkommen, die auf regionale Schreibtraditionen zurückgehen.
Exegese des Verses
Die Eröffnung Höre was da schlecht ist ist programmatisch: schlecht (fnhd. sleht) bedeutet „einfach, gerade, grundlegend" — nicht im Sinne von simplistisch, sondern fundamental. Liechtenauer beansprucht, das Wesentliche der Fechtkunst in wenigen Worten darzulegen.
Vor und Nach: Der Kernsatz lautet: nichts anders ist dann vor vnd nach wa dein stercke. Alles Fechten reduziert sich auf das Prinzip des Vor (die Initiative, das eigene Handeln, bevor der Gegner agieren kann) und Nach (Reaktion, Handeln nach der Aktion des Gegners), wobei wa dein stercke die Positionierung der eigenen Stärke meint. Dies ist das fundamentale Taktikprinzip, das Vor Nach Indes vollständig entfaltet.
Die Aktionsarten: Die Aufzählung Haw stich sneit drücken / lossen stoßen schütten definiert das technische Vokabular des Fechters. Die ersten drei — Hau, Stich, Schnitt — sind die drei Verwundungsarten des langen Schwerts. Drücken meint das Arbeiten mit Körperkraft im gebundenen Schwert (Druck an der Klinge). Lossen — fnhd. für lassen — bezeichnet das Nachlassen des Drucks bzw. das Lösen von der gegnerischen Klinge: Die Glossen deuten es als Ablassen (Ringeck), Nachlassen des Drucks am Schwert (Pseudo-Danzig) oder Lassen von der Klinge (Lew). Stoßen bezeichnet Stöße mit Knauf oder Parierstange. Schütten schließlich meint das Ausschütten/Wegschleudern der Klinge des Gegners durch eine ruckartige Bewegung — ein Terminus, der in den Glossen zum Winden am Schwert wiederkehrt.
Glossen
Ringeck beginnt seine Glossierung mit dem berühmten Satz: “Hie merck was do slecht ist das fechten mit dem langen swert das ist anders nichts wann vor vnd nach vnd das sterck vnd das swech”. Er erweitert also den Zettelvers implizit um das Prinzip Stark und Schwach.
Pseudo-Danzig bietet die ausführlichste Glossierung und diskutiert jede der Aktionsarten einzeln. Er definiert Haw als Schlag mit der langen Schneide, Stich als Stoß, Sneit als ziehenden Schnitt, Drücken als Druck mit dem Schwert, Lossen als Nachlassen des Drucks am Schwert, Stoßen als Stoß mit Knauf oder Gehilz, Schütten als Wegschleudern des gegnerischen Schwerts.
Lew folgt Danzig weitgehend, betont aber stärker den Zusammenhang mit dem Anbinden.
Meyer
Joachim Meyer widmet der Prinzipienlehre den gesamten ersten Teil seines Werks und erweitert die Liechtenauer’sche Drei- bzw. Achtheit der Aktionen auf eine weit ausführlichere Systematik, die Hauen, Stechen, Schneiden, Handarbeiten, Ringen und mehr umfasst. Er transformiert die mittelalterliche Prinzipienlehre in eine frühneuzeitliche didaktische Systematik, behält aber die Grundprinzipien Vor/Nach und Stark/Schwach bei.
In der Praxis
Die Allgemeine Lehre ist der tägliche Kompass des modernen Schwertfechtens. Jede Übung, jedes Sparring lässt sich auf die Frage reduzieren: Wer hat das Vor? Wer arbeitet im Nach? Wo ist meine Stärke relativ zur gegnerischen Klinge? Die Aktionsarten definieren zudem das technische Repertoire, dessen Beherrschung Voraussetzung für jedes freie Fechten ist. Das umstrittene Lossen hat eine praktische Entsprechung: die Fähigkeit, Druck aufzugeben und neu anzusetzen, statt in verfahrenen Klingenbindungen zu verharren.
Sekundärliteratur
- Hils (1985), S. 67–80.
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2004, Kap. 1–3.
- Żabiński/Walczak (2003), Kommentar zu Cod. 44.A.8, fol. 14v–17r.