Schnitt vs Hieb vs Stich
Die drei Verletzungsarten der Klinge

Liechtenauers Zettel
Haw stich sneit drücken lossen stoßen schütten
Die drei Verwundungsarten — Hau, Stich, Schnitt — stehen an der Spitze der Aktionsaufzählung des Zettels. Die übrigen Termini (drücken, lossen, stoßen, schütten) bezeichnen Aktionen am gebundenen Schwert, nicht Verwundungsarten. Wo der Zettel von „Hau" spricht, impliziert er eine bestimmte mechanische Qualität, die sich vom „Schnitt" und vom „Stich" unterscheidet.
Definition
Die Klinge des langen Schwerts kann auf drei grundlegend verschiedene Arten verletzen:
Hieb (Hau)
Der Hieb ist eine schlagende Aktion, bei der die Schneide mit Wucht und Geschwindigkeit auf das Ziel trifft. Die Schneide bewegt sich orthogonal zur Zielfläche — sie schlägt ein, nicht entlang. Der Hieb wirkt durch kinetische Energie: Die Masse und Geschwindigkeit des Schwerts erzeugen die Verletzung. Der Hau erzeugt tiefe, klaffende Wunden, kann Knochen brechen und durch Rüstungsteile schneiden (wenn die Wucht ausreicht). Beispiele: Oberhau, Zornhau, Scheitelhau.
Schnitt (Schnitt)
Der Schnitt ist eine ziehende Aktion, bei der die bereits aufliegende Schneide entlang der Zielfläche gezogen wird. Anders als beim Hieb liegt die Schneide dem Ziel bereits an oder landet sanft auf und wird dann durch das Ziel hindurchgezogen. Der Schnitt wirkt durch Relativbewegung zwischen Schneide und Gewebe — nicht durch Aufprall, sondern durch Schneidzug. Der Schnitt erzeugt lange, oberflächliche oder tiefe Schnittwunden und ist besonders gegen weiche, ungeschützte Körperteile (Hals, Handgelenke, Innenseiten der Arme) gefährlich.
Stich (Ort)
Der Stich ist eine punktuelle Aktion, bei der die Spitze des Schwerts in das Ziel getrieben wird. Die Klinge bewegt sich entlang ihrer eigenen Achse — linear, nicht bogenförmig. Der Stich wirkt durch Penetration: Die gesamte Kraft wird auf einen Punkt konzentriert. Der Ort ist die gefährlichste der drei Verletzungsarten, da er innere Organe durchdringt und schwer zu behandeln ist. Beispiele: Schiessen, Zornhau-Ort.
Wann welche Aktion?
Die Wahl zwischen Hieb, Schnitt und Stich hängt von mehreren Faktoren ab:
- Distanz: In großer Distanz → Stich (maximale Reichweite). In mittlerer Distanz → Hieb (volle Kraft). In kurzer Distanz → Schnitt (die Klinge liegt bereits an und muss nur gezogen werden).
- Gegnerische Deckung: Gegen geschlossene Deckung → Hieb (die Deckung brechen oder umgehen). Gegen offene Blöße → Stich (schnellster Weg ins Ziel). Gegen ausgestreckte Gliedmaßen → Schnitt (abwehrender oder verletzender Schnitt bei Rückzug des Gegners).
- Rüstung: Gegen Harnisch → Stich in die Lücken oder Halbschwerttechniken. Gegen Blöße → Hieb oder Stich nach taktischer Opportunität.
Quellenlage: Die Meister unterscheiden explizit
Joachim Meyer systematisiert die drei Verwundungsarten als den Dreyfachen Gebrauch des Schwerts (Meyers Fechtbuch 1570, Teil 1) und erhebt sie zur zentralen methodischen Rahmenkategorie. Meyer verwendet durchgängig:
- Hau für den schlagenden Gebrauch der Schneide
- Schnitt für den ziehenden Gebrauch der Schneide
- Stich für den Gebrauch der Spitze
Die früheren Quellen (Hs. 3227a, Ringeck, Danzig) differenzieren nicht terminologisch so präzise, unterscheiden aber de facto zwischen den drei Aktionstypen, indem sie die Techniken nach ihrer mechanischen Wirkung beschreiben.
In der Praxis
- Drei-Arten-Drill: Partner A und B führen abwechselnd Hiebe, Schnitte und Stiche gegen stehende oder bewegliche Ziele aus, mit Fokus auf den unterschiedlichen Körpereinsatz jeder Aktion.
- Distanz-Kombinatorik: A bewegt sich in unterschiedlichen Distanzen; B muss die distanzbezogen optimale Aktion wählen: In weiter Distanz Stich, in mittlerer Hieb, in naher Schnitt oder Stich.
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig
- Meyers Fechtbuch 1570 — Joachim Meyer
Sekundärliteratur
- Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Rev. ed. Wheaton 2015.
- Schmidt, Herbert: Schwertkampf: Der Kampf mit dem langen Schwert nach der Deutschen Schule. Wieland 2007.