Scheitelhau

Der vertikale Scheitelspalter

technikmeisterhaulanges schwertLiechtenauerMeyer

Der Scheitelhau — der „Scheitelspalter" — ist der vertikale Meisterhau. Während die anderen Meisterhaue schräg, quer oder gekrümmt schlagen, fällt der Scheitelhau wie ein Lot senkrecht von oben auf den Kopf des Gegners. Sein Name deutet es an: Er teilt den Scheitel.

Liechtenauers Zettel

„Scheyttler ist dem / antlitz gefer mit seynem lauff / kurcz macht er die wehr"

Der Vers beschreibt drei Eigenschaften: „dem antlitz gefer" — er ist dem Gesicht gefährlich (zielt also auf den oberen Kopf/Gesichtsbereich). „mit seynem lauff" — die Bewegung, das Laufen oder Durchlaufen ist essentieller Teil der Technik. „kurcz macht er die wehr" — er macht die Deckung/Parade des Gegners kurz, d.h. unwirksam, weil der Gegner durch den vertikalen Winkel und den Vorschub des Fechters seine Klinge nicht rechtzeitig nach oben bringen kann.

Glossen

Ringeck

[32v.2] Der schaÿteler mitt sine~ stucken

Text: „Der schaytler / dem antlytz ist gefer“

Glosa: Hie merck der schaÿtler ist dem antlÿtz vnd der bru~st gefaerlich den tryb also We~ er gen dir stat In der hu°t aulber So haw mit der langen schnÿde võ der lange schaÿttlen obe~ nÿder vnd belÿb [33r.1] mit dem haw hoch mit de~ arme~ vnd heng Im mit de~ ort ein zu° dem gesÿchte.

[33r.2] Ain stuck vß dem schaiteler

Text: „Mit siner ker / der brust fast gefer“

Glosa: das ist wen dü Im den ort mit dem schaitler oben ein hengst zu° dem gesicht Stost er dir denn den ort In der versatzu~ng mit dem gehu~ltz vascht yber sich So verker dein schwert mit de~ gehu~ltz hoch fyr din haupt vnd setz Im den ort vnde~ an die brust etc~.

[33r.3] Wie die kron den schaÿtler bricht

Text: „Waß võ Im komp / die kron das abnÿmpt“

Glosa: Merck wan dü Im mit dem schaittler oben ein hawest versetzt er mit de~ gehulcze hoch ob [33v.1] ob sine~ haupt Die versatzu~ng hayst die kron vnd laufft dir do mit eÿm.

[33v.2] Wie der schnitt die kron bricht

Text: „Schnid du~rch die krone / So brichest dü sÿ hart schon / Die stuch drucke / mit schnitte~ sÿ ab zucke“

Glosa: Merck we~ er dir den schailtler order su~nst aine~ haw vesetzt mit der kron vnd dir da mit ein lau~fft So nÿm de~ schnit vnder sin hende~ In sin arm Vnd tru~ck vast v~ber sich so ist die kron wyder gebroche~ Vnd wende din schwert vß de~ vndere~ schnit In den obere~ vnd zu~ch dich da mit abe.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

[24v.3] Hie hebt sich an der text vnd die glos von dem schaitelhaw

Text: „De°m schaitlär dem antlutz ist gevär Mit seiner ker Der prust vast gever / was von ÿm kumpt Die kron das [25r.1] ab nÿmpt Schneidt durch die kron So prichstu sy hart schon / Die striche druck Mit schniten sy ab zuck"

Glosa: Merck der schaitlär pricht die hu°t die da haist alber vnd ist dar zu° dem antlütz vnd der prust mit seiner ker gar gevardlich

[25r.2] Den treib also

Wenn dw mit dem zu° vechten zw° ÿm kumpst legt er sich denn gegen dir in die hu°t alber So setz den lincken fuess vor vnd halt dein swert an deiner rechten achsel Inn der hu°t vnd spring zw° Im vnd haw mit der langen schneid starck von oben nider Im zu° dem kopff Vor setzt er denn haw das sein ort vnd das ain gehultz paide übersich stenn das selb haist die kron So beleib hoch mit den armen vnd heb mit der lincken hant deinen swertz knopf vber sich vnd senck im den ort vber sein gehültz zw der prust Vert er denn auff mit dem swert vnd stost dir den ort mit dem gehültz vber sich So wind dein swert vnder seiner kron durch mit dem schnit in sein arm~ vnd druck Also ist die kron wider geprochen vnd mit dem drucken So schneid vast In die arm~ vnd zeuch dich mit dem schnit ab

Lew

[26v.2] Text: „Der scheitteler / mit seiner kor / Ist dem antlütz / vnd der prust vast geuor. / Was von Im komet / Die kron das ab nÿmet / Schneid durch die kron / So prichstu sie schon / Die strich die truck / Mit schniden sie ab zuck."

Glosa: Wisß das der schaitteler pricht die [27r.1] hut alber vnd Ist dem antlütz vnd der prust mit seiner kor gar geuërlich etc.

[27r.2] Item den Schaitteler treib also Wann du mit dem zufechten zu Im kommest, legt er sich dann In die hut alber So setz den lincken fus für vnd halt dein swert mit aufgereckten armen hoch über dein haubt In der hut vom tag vnd spring zu Im mit dem rechten fus vnd haw mit der langen schneiden starck von oben nider Vnd bleib mit den armen hoch vnd sencke Im den ort vnttersich zu seinem gesichte oder der prust Versetzt er dann mit der kron also das der ort vnd das ein gehültz an seinem swertt baide übersich steen vnd fert [27v.1] damit auf vnd stöst dir den ortt übersich So wend dein schwert vntter seiner kron durch mit der schneiden In sein arm vnd truck so ist die kron wider geprochen Vnd mit dem trucken nym den schnid vnd zeuch dich damit abe.

Meyer

Joachim Meyer (1570) beschreibt den Scheitelhau mit nahezu poetischer Präzision: Man solle das Schwert „mit ausgestreckten Armen über das Haupt führen und damit dem Gegner den Scheitel zu spalten drohen." Meyer betont die biomechanische Korrektheit: Das Schwert müsse aus den Schultern heraus, nicht aus den Ellbogen, geführt werden. Er integriert den Scheitelhau in die Lehre vom Absetzen: Der Scheitelhau kann auch als Versetzung gegen einen anderen Oberhau dienen. Zudem beschreibt Meyer Varianten mit verändertem Griff, insbesondere den „verstohlenen Scheitelhau" zur Täuschung.

Ausführung und Mechanik

Der Scheitelhau wird von einer hohen Hut (Vom Tag hoch, über dem Kopf) ausgeführt. Der Fechter tritt mit einem weiten Schritt (meist mit dem rechten Fuß) nach vorn und führt die Klinge in einer rein vertikalen Linie nach unten. Die Arme sind vom Beginn bis zum Ende des Hiebs gestreckt; die Kraft kommt aus der Körpervorlage und der Hebelwirkung der langen Hebelarme. Die Spitze soll den Gegner idealerweise im Moment treffen, in dem der eigene Fuß aufsetzt (synchronisierte Schritt-Schlag-Mechanik). Der Trefferpunkt liegt auf der oberen linken oder oberen rechten Blöße — am Scheitel oder der Stirn.

Taktische Anwendung

Der Scheitelhau bricht tiefe Huten: Alber, Wechsel, aber auch nachlässige Nebenhuten. Er ist eine Überraschungstechnik gegen Gegner, die ihre Klinge niedrig halten und sich auf ihre Geschwindigkeit aus diesen Huten verlassen. Taktisch kombiniert der Scheitelhau maximale Reichweite (gestreckte Arme, weite Schrittstellung) mit maximaler Präzision (rein vertikale Linie). Er ist zudem als Abschluss einer Serie kombinierbar: Krumphau zu den Händen, dann Scheitelhau zum Kopf („Krump al Schnyt").

In der Praxis

Der Scheitelhau ist technisch einfach, aber taktisch riskant — er öffnet den Oberkörper, wenn er ohne volle Deckung ausgeführt wird. Training: Scheitelhau aus rechtem und linkem Tag gegen stehendes Ziel, Drill mit Partner aus Alber (Gegner versucht, unter dem Hieb nach oben zu kommen), schrittweises Steigern der Distanz bis zur Maximalreichweite. Häufige Fehler: Zu frühes Abknicken der Arme (Reichweitenverlust und Kraftverlust), fehlende Deckung des Kopfes während der Ausführung, mangelnde Synchronisation von Schritt und Hieb. Wichtig ist stets voller Kopfschutz — der Scheitelhau ist wegen seiner Gefährlichkeit im Sparring nur mit Maske und bei kontrollierter Ausführung zu trainieren.

Primärquellen

  • Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 20r–20v
  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 17r–18r
  • Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 23r–24r
  • Jud Lew, Cod. I.6.4°.3, Augsburg
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 1. Buch, Kap. 8

Sekundärliteratur

  • Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
  • Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.
  • Tobler, Christian Henry: Fighting with the German Longsword. Wheaton 2015.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
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