Zettel — Fünff Hawe (Einleitung)
Die Einleitung der fünf verborgenen Haue — Kernvokabular der Liechtenauer'schen Offensive

Fünff Hawe — Einleitung
Liechtenauers Zettel
Der Vers, der die zentrale Lehre von den Meisterhauen eröffnet, lautet in der rekonstruierten Fassung:
Fünff hawe lere von der rechten hand weer wer die entrichtet der wirt von meistern gelobt
In Hs. 3227a lautet die Stelle: “Fümf hewe lere / von der rechten hant were”, in Ringecks Fassung: “Fünff hew lere / von der rechten handt weer”. Die Varianten sind minimal und deuten auf einen stabil überlieferten Kernvers.
Exegese des Verses
Fünff hawe lere — die Zahl Fünf ist keine willkürliche, sondern eine symbolisch und systematisch begründete. Das lang Schwert kennt grundsätzlich drei Oberhaue (Zornhau, Schielhau, Scheitelhau) und zwei unter- bzw. querlaufende Haue (Krumphau, Zwerchau). Diese Fünfzahl deckt alle wesentlichen Anwendungsfälle ab und bildet das technische Grundvokabular.
Von der rechten hand weer — die umstrittenste Wendung des Verses. Weer (fnhd. were) kann „Abwehr, Verteidigung" bedeuten, aber auch allgemein „Wehr, Kampf". Die Glossen deuten die Stelle meist als: von der rechten Hand her (ausgeführt), d.h. die fünf Haue in ihrer Grundform werden von der rechten Schulter aus geschlagen — die linke Seite folgt durch Wechsel. Eine alternative Lesart versteht weer als „Gegenwehr": Die fünf Haue sind zugleich Abwehrmittel, nicht nur Angriffshandlungen. Hs. 3227a und die spätere Tradition bestätigen beide Lesarten insofern, als jeder Meisterhau sowohl offensiv als auch defensiv (als Versetzen) angewendet wird.
Wer die entrichtet — entrichten bedeutet im Frühneuhochdeutschen nicht einfach „ausführen", sondern „in die rechte Ordnung bringen, richtig einrichten". Es geht also nicht um bloße motorische Ausführung, sondern um die korrekte taktische und mechanische Anwendung im richtigen Moment (indes). Derjenige, der die fünf Haue in diesem Sinne beherrscht, wirt von meistern gelobt — die Anerkennung der Meistergemeinschaft ist das Ziel des Schülers.
Glossen
Ringeck glossiert knapp: Die fünf Haue seien verborgen haw, die man zu vorkomen (Vorkommen, den Gegner im Ansatz stoppen) einsetze. Er zählt sie explizit auf: Zornhau, Krumphau, Zwerchhau, Schielhau, Scheitelhau.
Pseudo-Danzig erweitert die Glossierung und betont, dass die Haue von der rechten handt geworffen würden — also geworfen, nicht einfach geschlagen, was auf die dynamische, schnappende Bewegung hindeutet. Er führt zudem den Begriff drei wunder (die drei Wunder am Schwert: Hau, Stich, Schnitt) ein und verknüpft ihn mit den fünf Hauen.
Lew fügt hinzu, dass wer die Fünf Haue nicht kennt, nit mag lernen — sie sind die unverzichtbare Grundlage.
Meyer
Joachim Meyer kennt und lehrt die fünf Meisterhaue, bettet sie aber in sein erweitertes System ein. Er zählt sie unter den Hauptstücken und widmet jedem einen eigenen Abschnitt, ergänzt sie aber um zusätzliche Haue und Varianten. Insbesondere behandelt er den Zornhau nicht mehr als diskreten Meisterhau, sondern als Gattungsbegriff für alle kräftigen Oberhaue.
In der Praxis
Die fünf Haue sind das tägliche Übungsbrot jedes Liechtenauer-Fechters. Ihre systematische Schulung — zunächst einzeln, dann in Kombination, schließlich in freier Anwendung — bildet das technische Fundament. Der Vers erinnert daran, dass es nicht auf Quantität ankommt (viele verschiedene Haue), sondern auf die Qualität weniger, perfekt eingerichteter Haue. Das moderne Training sollte dem Rechnung tragen, indem es die fünf Haue bis zur Meisterschaft verfeinert, bevor es das Repertoire erweitert.
Sekundärliteratur
- Hils (1985), S. 92–101.
- Tobler (2010), Kap. 5.
- Hs. 3227a, Döbringer-Glossen.