Zettel — Scheyttler (Scheitelhau)

Der Scheitelhau — der Hau, der die Wehr kurz macht und selbst Meister überrascht

zettelscheitelhauLiechtenauer

Scheyttler — Der Scheitelhau

Liechtenauers Zettel

Der Scheitelhau ist der letzte der fünf Meisterhaue und hat den umfangreichsten Zettelvers, was seine besondere Stellung unterstreicht:

Scheyttler ist dem antlitz gefer mit seynem lauff kurcz macht er die wehr do mit krump al schnyt ist er wer / vnd ist der haw im entwerch zu dem pflugk mit geschicklichkeit hew dar die meister sint sein geste

Die Textgestalt in den Handschriften ist hier besonders uneinheitlich. Hs. 3227a bietet eine abweichende Lesart: “Scheyttler dem antlucz ist gefer / kurcz macht her dy were / do mete krum al sneyt ist her wer”. Die hier gegebene Fassung folgt im Wesentlichen Ringeck und Danzig, ergänzt durch Lew.

Exegese des Verses

Scheyttler ist dem antlitz gefer mit seynem lauff — der Scheitelhau ist dem Gesicht gefährlich mit seinem Lauf. Gefer (fnhd. gevær) meint „gefährlich, bedrohlich". Mit seynem lauff verweist auf die charakteristische Bewegungsart: Der Scheitelhau “läuft” — eine gleitende, ziehende Bewegung, nicht ein fest gehauener Schlag. Die Spitze bleibt dabei ständig in Bewegung und bedroht das Antlitz.

Kurcz macht er die wehr — kurz macht er die Abwehr. Das ist die taktische Essenz: Der Scheitelhau verkürzt die gegnerische Verteidigung, weil er direkt die Mittellinie entlang herunterkommt und dem Gegner keine Zeit zum Parieren lässt. Die Wehr (fnhd. wer), die den Scheitelhau abweisen könnte, wird durch die Schnelligkeit und die direkte Linie des Scheitelhau-Laufens unwirksam.

Do mit krump al schnyt ist er wer — die umstrittenste Zeile. Wahrscheinliche Lesart: Damit (mit dieser Mechanik) ist er ein Krumm-All-Schnitt. Das heißt, der Scheitelhau ist kein einfacher gerader Hau, sondern verbindet Charakteristiken des Krumphau (gebogener Weg) mit einem allumfassenden Schnitt (Schnitt, der die gesamte Bewegung durchzieht).

Entwerch zu dem pflugk — quer zum Pflug. Der Scheitelhau zielt quer/diagonal in die Hut Pflug, bricht also diese Hutenstellung. Mit geschicklichkeit hew dar — mit Geschicklichkeit schlage zu. Der Scheitelhau erfordert präzises Timing und richtige Mechanik, rohe Gewalt allein genügt nicht.

Die meister sint sein geste — die Meister sind seine Gäste. Ein verblüffender Abschluss: Selbst Meister werden vom Scheitelhau überrascht, sie sind ihm gleichsam willkommene Gäste. Dies unterstreicht die Unerwartetheit und Wirksamkeit dieses Haus.

Glossen

Ringeck glossiert den Scheitelhau als Hau auf den Kopf des Gegners, mit der langen Schneide, von oben herunter. Er geht im Anschluss sofort in den Pflug über — was den Zettelvers entwerch zu dem pflugk erklärt. Besonders: Ringeck beschreibt, dass der Fechter nach dem Scheitelhau die Arme hoch streichen soll, um nicht vom Gegner unterschlagen zu werden.

Pseudo-Danzig erweitert die Mechanik: Der Scheitelhau wird mit den gestreckten Armen und dem langen Schwert geführt, die Klinge schneidet von oben in die Hut Pflug. Danach folgt das Winden, der Knaufstoß oder der Schnitt.

Lew betont die Notwendigkeit des Schiessens (schnellen Vorschlags) beim Scheitelhau und die sofortige Umkehrbewegung, um den Gegner am Gegenschlag zu hindern.

Meyer

Joachim Meyer beschreibt den Scheitelhau als schnellen, geraden Hau von oben mit der langen Schneide. Er integriert ihn in sein System als Angriffshau, der die Hut Alber und die Hut Pflug bricht. Meyer betont auch die Höhe der Hände und die Notwendigkeit, den Oberkörper hinter den Armen zu schützen.

In der Praxis

Der Scheitelhau wird oft missverstanden als einfacher senkrechter Hau — tatsächlich ist er ein präzises Instrument gegen tiefe Huten (insbesondere Alber und Pflug). Die Mechanik des Laufens — d.h. des durchgehenden Ziehens — und die sofortige Umkehr in die Winde oder den Schnitt sollten im modernen Training im Vordergrund stehen. Der Vers die meister sint sein geste mahnt zur Demut: Ein simpler, gut getimter Scheitelhau kann selbst den erfahrensten Fechter überraschen.

Sekundärliteratur

  • Hils (1985), S. 108–112.
  • Tobler (2004), S. 73–78.
  • Farrell, Keith: The Scheidelhau in Context. In: Acta Periodica Duellatorum, 2016.

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