Dolch — Die fünf Häue auf den Dolch übertragen
Zur Anwendbarkeit der Meisterhaue auf den Dolchkampf

Die Übertragbarkeit der Meisterhaue
Die Frage, ob die fünf Meisterhaue — Zornhau, Krumphau, Zwerchau, Scheitelhau und Schielhau — auf den Dolch übertragbar sind, ist eine genuin moderne Problemstellung. Joachim Meyer selbst wendet dieses Konzept nicht explizit auf den Dolch an, und die physikalischen Gegebenheiten widersprechen einer 1:1-Übertragung: Ein Dolch hat weder die Länge, die Masse noch die Hebelwirkung eines Langen Schwerts. Die Meisterhaue sind auf die Geometrie und Mechanik des Schwertes abgestimmt — sie setzen voraus, dass ein Hau einen weiten Bogen zieht, der Gegner durch die Klinge aufgehalten wird und die Hände im Winden umgreifen können.
Meyer tut dies in Ansätzen
Dennoch finden sich in Meyers Dolchlehre Ansätze, die den Meisterhauen strukturell ähneln. Sein Konzept des “Stürzen” — des überfallartigen Einstechens von oben — erinnert an den Scheitelhau, den er bei den Rosen beschreibt. Der vertikale, unvermittelte Stich in die obere Linie folgt einer ähnlichen taktischen Logik: Der Gegner wird im Moment der Deckungsöffnung überrascht. Meyer notiert im Abwehrkontext: “So dir einer von Oben stechen wolt […]”, was dem Grundgedanken des gegen die obere Öffnung gerichteten Scheitelhau entspricht.
Ebenfalls identifizierbar ist eine Analogie zum Zornhau: Der wütende, direkte Stoß, der die gegnerische Klinge nicht respektiert, findet seine Entsprechung im kompromisslosen Dolchstich, den Meyer als “einfach und richtig” beschreibt — die roheste, ungestümste aller Aktionen.
Die Zwerch-Analogie schließlich manifestiert sich in Meyers Beschreibung kurzer, quer geführter Schnitte gegen Hände und Unterarme des Gegners, die den Angriff brechen, bevor er gefährlich wird — eine Funktion, die der Zwerchhau im Schwertfechten erfüllt.
Die Grenzen der Analogie
Trotz dieser strukturellen Parallelen bleibt die Übertragung der fünf Häue auf den Dolch ein akademisches Konstrukt — theoretisch aufschlussreich, praktisch limitiert. Krumphau und Schielhau etwa, die auf der Klingenbindung und der Hebelwirkung des langen Schwertes basieren, finden im Dolch keinerlei Entsprechung. Die moderne HEMA-Forschung betrachtet diese Analogien denn auch primär als heuristisches Werkzeug, um Meyers systemische Einheit über alle Waffengattungen hinweg zu demonstrieren, nicht als praktische Dolch-Techniken.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 1. Buch (Meisterhaue), 4. Buch (Dolch).
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Dolch-Kapitel.