Nebenhut

Die Nebenhut ist eine Seitenhut, bei der das Schwert seitlich am Körper mit nach hinten-unten gerichteter Spitze geführt wird. Sie zählt nicht explizit zu den Ochs, ist aber in der Liechtenauer-Tradition implizit verankert und wird von späteren Meistern — insbesondere Joachim Meyer — prominent ausgeführt. Die Nebenhut dient vornehmlich der Vorbereitung kraftvoller Unter- und Umhaue.

Liechtenauers Zettel

Im Zettel Liechtenauers wird die Nebenhut nicht namentlich genannt. Der Nürnberger Kodex (Hs. 3227a) erwähnt sie jedoch im Kontext des Ansetzens der Unterhaue, wo eine seitliche, tiefe Klingenführung vorausgesetzt wird. Die Forschung (u. a. Welle 1993) sieht die Nebenhut als implizite Position innerhalb des Systems, die in den Glossen erst graduell terminologisch geschärft wird.

Glossen

Ringeck

Ringeck erwähnt die Nebenhut nur am Rande — zumeist als Übergangsstellung im Zuge des Versetzens und Umwindens. Eine systematische Abhandlung fehlt bei ihm weitgehend.

Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)

Der Danzig-Codex (ab fol. 36r) behandelt die Nebenhut im Kontext des Rossfechtens ausführlicher; im Bloßfechten bleibt sie eine Randposition. Die Glossierung deutet an, dass aus der Nebenhut mächtige Unterhaue mit voller Rotation geschlagen werden können.

Lew

Jud Lew gibt ebenfalls keine eigenständige Behandlung der Nebenhut, sondern nennt sie im Rahmen des Verführens — einer taktischen Bewegung, bei der man den Gegner durch Wechsel der Huten täuscht.

Weitere Glossatoren

Die spätere Talhoffer- und Kal-Tradition greift die Nebenhut vereinzelt auf, ohne sie terminologisch zu fixieren. Erst mit Meyer erhält die Nebenhut eine feste Position im System.

Meyer

Joachim Meyer (1570) führt die Nebenhut als eine seiner Haupt-Wachten. Er unterscheidet zwischen rechter und linker Nebenhut, wobei das Schwert mit der Spitze zum Boden oder schräg nach hinten weist. Meyer nutzt die Nebenhut vor allem als Vorbereitung für Unterhaue wie den Streich oder den Wechselhau. Aus der Nebenhut kann zudem schnell in den Ochs oder Langort gewechselt werden.

Ausführung und Mechanik

Die rechte Nebenhut (Beispiel): Das Schwert hängt tief an der rechten Körperseite, die Spitze zeigt nach hinten-unten. Die Hände befinden sich auf Hüfthöhe. Der Wechsel in einen Unterhau erfolgt durch eine Rotation des Oberkörpers gepaart mit einem Hochführen der Arme, wobei die Klinge eine kreisförmige Bahn beschreibt.

Taktische Anwendung

Die Nebenhut ist eine verdeckte Bedrohung. Während der Gegner keine unmittelbare Spitze sieht, kann der Fechter aus der Rotation heraus blitzschnell einen Unterhau oder Umhau ansetzen. Sie eignet sich besonders gegen einen Gegner, der hoch gebunden hat (etwa im Ochs oder Vom Tag), um unter dessen Klinge hindurch die unteren Blößen anzugreifen.

In der Praxis

Trainiert wird die Nebenhut oft im Kontext von Kombinationen: Ausgang in der Nebenhut, Übergang in einen Unterhau, gefolgt von einem Oberhau aus der Rückhand. Ein typischer Fehler ist, das Klingenende auf dem Boden schleifen zu lassen. Übung: Partner-Drill mit angesagter Nebenhut und Freiwahl des Folgeangriffs.

Primärquellen

  • Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 36r ff.
  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung der Kunst des Fechtens. Straßburg 1570, II.23r–24v.

Sekundärliteratur

  • Welle, Rainer: …und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen. Frankfurt a. M. 1993.
  • Forgeng, Jeffrey L. (Übers.): The Art of Combat: A German Martial Arts Treatise of 1570. London 2006.
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