Meyers Vier Leger
Meyers System der Huten und die Bedeutung des Pflanzens

Meyer kennt mehr als vier Leger
Die mittelalterlichen Glossatoren der Liechtenauer-Tradition — Ringeck, Danzig, Jud Lew — nennen stets vier Leger: Ochs, Pflug, Alber und Vom Tag. Joachim Meyer übernimmt das Konzept der “Vier Leger” nominell, verändert jedoch deren Zusammensetzung grundlegend. Seine Haupt-Vier sind: Ochs, Pflug, Tag (nicht “Vom Tag”, sondern schlicht “Tag”) und Nebenhut. Meyer ersetzt den Alber durch die Nebenhut — ein bezeichnender Eingriff, der seine andere taktische Ausrichtung markiert. Der Alber war in der mittelalterlichen Lehre die tiefe Hut, die zu Aufwärtshauen und zum Locken des Gegners einlädt; die Nebenhut ist hingegen eine seitlich tief gehaltene Position, die Meyer als vielseitiger und besser geeignet für die Täuschungsaktionen seines Systems betrachtet.
Zu diesen vier Hauptlegern fügt Meyer eine Reihe eigentümlicher Leger hinzu, die in der mittelalterlichen Tradition keine oder nur eine marginale Rolle spielen:
- Schlüssel: Die Klinge quer vor dem Körper haltend, die Spitze nach unten oder schräg gerichtet, als defensive Bereitschaftshaltung, aus der heraus sowohl gestoßen als auch geschlagen werden kann.
- Wechsel: Die Klinge mit nach unten gerichteter Spitze seitlich am Körper, eine tiefe, entspannte Hut, von der Meyer sagt, sie lasse den Fechter “wandeln”, also die Position flexibel wechseln.
- Zornhut: Die Klinge für den Zornhau bereit über der rechten oder linken Schulter, aggressiv und provokativ ausgerichtet.
- Eisenport: Die Klinge flach vor der Brust haltend, die Spitze zum Gegner — eine Deckungshaltung, vergleichbar mit dem Langort.
- Einhorn: Die Klinge mit nach oben gerichteter Spitze wie ein Horn vor dem Körper haltend, eine Hut für Stiche von unten.
- Schrankhut: Die Klinge mit gekreuzten Händen haltend, eine spezialisierte Versatzhaltung.
Diese Erweiterung des Legersystems ist keine bloße Addition von Positionen, sondern integraler Bestandteil von Meyers System: Jede Hut trägt eine spezifische taktische Absicht in sich und ist darauf ausgelegt, den Gegner zu einer bestimmten Reaktion zu zwingen — oder zumindest einzuladen.
Gepflanzte vs. fliegende Huten
Eine der zentralen konzeptionellen Innovationen Meyers ist die Unterscheidung zwischen gepflanzten und fliegenden Huten. Diese Unterscheidung, die er von Lienhart Sollinger übernimmt, betrifft nicht die Form der Hut, sondern deren taktischen Gebrauch:
- Eine gepflanzte Hut bedeutet: Der Fechter nimmt eine bestimmte Haltung bewusst und demonstrativ ein, bleibt in ihr und wartet — oder besser: provoziert — die Reaktion des Gegners ab. Das “Pflanzen” ist ein taktisches Signal: “Ich stehe hier. Was machst du dagegen?” Aus der gepflanzten Hut heraus erfolgt die Aktion erst, wenn der Gegner sich bewegt oder eine Haltung erkennen lässt.
- Eine fliegende Hut hingegen ist eine momentane Haltung, die der Fechter nur durchläuft, während er bereits in Aktion ist — einleiten, vorbereiten, ausführen, ohne innezuhalten. Fliegende Huten sind Bestandteile einer flüssigen Bewegungskette, nicht feste Positionen.
Die Bedeutung des Pflanzens (Meyers Terminus: “sich in ein Leger setzen”) liegt in der psychologischen Dimension des Fechtens. Indem der Fechter sich demonstrativ in eine Hut setzt, zwingt er den Gegner zur Reaktion — und damit zur Berechenbarkeit. Die gepflanzte Hut ist eine Aufforderung zum Dialog, deren Antwort der Pflanzende bereits antizipiert und deren Brechung er vorbereitet hat.
Meyers Abweichungen von der mittelalterlichen Tradition
Meyers Transformation des Leger-Konzepts reflektiert den grundlegenden Wandel, den das Fechten im 16. Jahrhundert durchläuft. Die mittelalterlichen Vier Leger waren primär funktionale Ausgangspositionen für den zielgerichteten Hau. Meyers Leger hingegen sind — insbesondere in ihrer gepflanzten Form — taktisch-psychologische Positionen, deren expliziter Zweck Täuschung, Provokation und Reaktionserzwingung ist. Wo der mittelalterliche Fechter aus dem Ochs sticht, pflanzt Meyers Fechter den Ochs demonstrativ und wartet, ob der Gegner diesen Stich parieren wird — um dann, wenn die Parade kommt, in eine ganz andere Aktion überzugehen.
Diese psychologische Dimension ist neu in der deutschen Fechtliteratur und markiert den Übergang vom primär technischen zum taktisch-psychologischen Fechtverständnis, das die gesamte Neuzeit prägen wird.
In der modernen Praxis
Meyers Leger-System steht im Zentrum der modernen Langschwert-Hermeneutik und des Trainings. Schulen wie die Hammaborg-Interpretation und die Lehrmethoden von Roger Norling, Kevin Maurer und Herbert Schmidt arbeiten intensiv mit der Unterscheidung zwischen gepflanzten und fliegenden Huten als didaktischem Prinzip. Turnierfechter nutzen die gepflanzten Huten explizit als taktisches Druckmittel. Die Diskussion um Meyers spezifische Leger — insbesondere den Ersatz des Alber durch die Nebenhut — ist Gegenstand kontroverser Debatten innerhalb der HEMA-Szene.
Quellen
- Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 1. Buch, Kap. 2–3.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.