Hellebarde

Die Stangenwaffe mit Axtblatt, Spitze und Haken

waffestangenwaffenhellebarde

Die Hellebarde: Stangenwaffe mit Axtblatt, Spitze, Haken

Die Hellebarde ist die vielseitigste und technisch komplexeste Stangenwaffe der Deutschen Fechtschule. Ihr Kopf vereint drei funktionale Elemente: Das Axtblatt (Beil) dient dem wuchtigen Schlag, die Spitze dem geraden Stoß und der rückseitige Haken dem Einhaken, Reißen und Zubodenziehen des Gegners. Diese Multifunktionalität macht die Hellebarde zur taktisch komplexesten Blankwaffe des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Arsenals — sie kann schneiden, stoßen, hebeln und niederringen.

Entwicklung vom 14. bis 16. Jahrhundert

Die Hellebarde entwickelte sich im 14. Jahrhundert aus der bäuerlichen Kriegssense und dem militärischen Stoßspeer, zunächst in der Schweiz und in Süddeutschland. Die frühesten Darstellungen zeigen einfache asymmetrische Klingen. Im 15. Jahrhundert, parallel zum Aufstieg der Schweizer Reisläufer und süddeutschen Landsknechte, diversifizierte sich die Kopfform: Spitze, Beil und Haken wurden proportional ausgewogener, die Gesamtlänge standardisierte sich auf etwa 2,0–2,5 m. Im 16. Jahrhundert erreicht die Hellebarde ihre reifste Form mit fein ausgearbeiteten, teils reich verzierten Köpfen; sie wird zunehmend zur Paradewaffe der Stadtwachen und Leibgarden, während ihre militärische Bedeutung durch die Pike verdrängt wird.

In den Quellen: Mair, Meyer

Paulus Hector Mair kompiliert in seinen monumentalen Fechtbüchern (Cod. icon. 394a, 1540er) zahlreiche Stücksequenzen für die Hellebarde, oft paarweise mit dem Spieß kontrastiert. Mairs Sammlung ist weniger systematisch, aber quantitativ umfangreicher. Joachim Meyer behandelt die Hellebarde neben dem Spieß und der Stange im vierten Buch seiner Gründtlichen Beschreibung (1570) — der umfangreichsten gedruckten Stangenwaffenlehre der Frühen Neuzeit. Meyer unterteilt das Hellebardenfechten in Hauen, Stechen und Reißen und ordnet die Techniken in das System seiner Vier Leger ein.

Techniken: Schlag, Stich, Haken, Reißen

Das technische Repertoire der Hellebarde umfasst vier Grundaktionen: (1) Schlag — geführter Ober- oder Unterschlag mit dem Beil, der auf Kopf, Schultern und Arme zielt; (2) Stich — gerader Stoß mit der Kronenspitze, der in die Blössen des Gegners zielt; (3) Haken — Einhaken des Rückhakens in Rüstung, Gliedmaßen oder gegnerischen Schaft, gefolgt von; (4) Reißen — das Zubodenziehen oder Entwaffnen durch Hebelwirkung des langen Schafts. Die Kombination aus Haken und Reißen ist die taktische Signaturtechnik der Hellebarde und prototypisch für die Integration von Ringen — Überblick-Prinzipien in das Waffenfechten.

Moderne Praxis

Das Hellebardenfechten in der modernen HEMA-Szene ist eine Seltenheit. Die Länge und das Gewicht der Waffe (2,5–3 kg bei historischen Originalen) sowie das Fehlen standardisierter Übungssimulatoren erschweren das Training. Einige spezialisierte Gruppen in Österreich, Tschechien und der Schweiz experimentieren mit modifizierten Simulatoren und bieten Einführungskurse an. Die Forschung an den Quellen — insbesondere zu Mairs Hellebardensequenzen — steht noch am Anfang.

Nach oben ↑