Langort
Langort (auch „Langen Ort" oder „der lang Ort") bezeichnet sowohl die gestochene Position mit vollständig ausgestreckten Armen als auch die Endposition eines gelungenen Stichs. Die Klinge befindet sich horizontal auf die Brust oder das Gesicht des Gegners ausgerichtet, die Arme sind gestreckt, die Füße in einem weiten Ausfall. Langort ist mehr als eine bloße Hut — es ist der Zielzustand zahlreicher Fechtaktionen.
Liechtenauers Zettel
Im Zettel erscheint Langort nicht als explizites Legen, doch die Formulierung „In allen winden / haw / stich / sneit" impliziert die gestochene Langort als natürlichen Abschluss von Stichaktionen. Der Nürnberger Kodex (Hs. 3227a) verwendet Langort als Terminus für die Position nach abgeschlossenem Stich.
Glossen
Ringeck
Ringeck behandelt den Langort als Zielpunkt des Stichs aus dem Ochs und dem Pflug. Er lehrt, dass man nach einem Stich nicht in der verlängerten Position verharren, sondern entweder nachstoßen oder zurückgehen solle.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
Der Danzig-Glossator beschreibt die Langort präzise: Nach dem Durchführen des Stichs stehe man „in dem langen ort" und habe damit den maximalen Abstand zum Gegner bei gleichzeitiger Spitzenbedrohung. Er warnt ausdrücklich davor, im Langort zu verweilen, da die vollständig gestreckten Arme anfällig für Abschneiden und Klingenfassen seien.
Lew
Jud Lew integriert das Konzept des Langort in seine Systematik der vier Leger und betont die Übergänge: Aus dem Ochs in den Langort via Stich, aus dem Langort zurück in die Bindung via Winden.
Meyer
Meyer übernimmt den Langort und definiert ihn als eigenständige Position. Sein Langort ist tendenziell etwas höher — auf Gesichtshöhe — und dient als Drohgebärde vor dem Stich. Meyer betont den Langort auch im Kontext des Verführens, indem man eine Stichbewegung andeutet, ohne vollständig durchzuziehen.
Ausführung und Mechanik
Nach einem Stich befinden sich beide Arme in voller Extension auf Schulterhöhe, die Klinge verläuft in einer Linie mit den Unterarmen. Der Körper ist durch einen tiefen Ausfallschritt nach vorn verlagert. Diese Position maximiert die Reichweite, minimiert jedoch die Bewegungsfreiheit der Arme — ein Trade-off, den die Glossatoren klar erkennen.
Taktische Anwendung
Langort ist eine Position der maximalen Distanzkontrolle. Der Fechter hat den Gegner an der Spitze und zwingt ihn, auf die Klinge einzugehen, bevor dieser selbst einen Angriff starten kann. Taktisch eignet sich Langort, um den Gegner auf Distanz zu halten oder ein Gefecht nach einem erfolglosen Stich abzuschließen. Das Verweilen im Langort birgt jedoch die Gefahr, dass der Gegner versetzt und gegen die Arme arbeitet.
In der Praxis
Im modernen Training ist Langort die Standardposition für Stichdrills und Reichweitenübungen. Empfohlene Übung: Gegenseitiges Anstechen auf ein Ziel; dabei muss der Fechter nach Erreichen des Langorts sofort zurückfallen oder umwinden. Häufiger Fehler: Hochziehen der Schultern in der Extension, was die Beweglichkeit der Arme weiter einschränkt.
Primärquellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 14v–15r
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 8v–9r
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 10r f.
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig: Transkription und Übersetzung. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.