Gayszlen (Die Geißel)
Der peitschende Schlag mit gestreckten Armen von Liechtenauer bis Meyer

Herkunft und Begriff
Die Geißel (Gayszlen, fnhd. geisel) erscheint im Zettel Liechtenauers im Kontext des Krumphaus. Der Begriff ist eine Metapher: Wie eine Geißel oder Peitsche schwingt der Fechter das Schwert mit gestreckten Armen gegen die gegnerische Wehr oder die Hände — schnell, peitschend, aus Handgelenk und Ellbogen.
In den Glossen
Die Hs. 3227a liefert die präziseste frühe Beschreibung: “Die geisel wirt mit gestracktem arme vnd mit eyme schrete geleydt” — mit gestrecktem Arm und Schritt, also als kraftvolle Ganzkörper-Aktion, nicht als bloßes Handgelenkmanöver. Döbringer verortet sie im Kontext des Krumphaus aus der Nebenhut: Die Klinge peitscht aufwärts gegen Hände oder Klinge, um den Gegner zu schwächen oder zu entwaffnen.
Ringeck betont die Geißel als Mittel, “am swert zu swechen” — die gegnerische Klinge im Schwach zu treffen und so ihre Hebelwirkung zu brechen. Danzig stellt sie ins Zentrum des Abschlagens: Der Fechter peitscht die gegnerische Klinge beiseite und greift unmittelbar danach an. Die Geißel ist in allen Glossen eine öffnende, keine abschließende Aktion.
Meyer und moderne Praxis
Joachim Meyer kennt die Geißel als peitschenden Schlag unter den Nebenstücken. Bei ihm ist sie flexibler einsetzbar — nicht mehr an den Krumphau gebunden, sondern als Bewegungskomponente in verschiedene Kontexte integrierbar, was Meyers Modularisierungstendenz reflektiert. Er verwendet den Begriff sowohl substantivisch (“die Geissel”) als auch verbal (“geisseln”).
In der modernen Praxis findet die Geißel Anwendung gegen exponierte Hände — besonders aus Ochs oder Tag — und als Auftakt zu Zwerchau oder Stich. Der Trainingsschwerpunkt liegt auf der unmittelbaren Verbindung von Geißel und Nachhieb: Die Geißel öffnet, die Folgetechnik trifft.
Quellen
- Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift, fol. 26r ff.
- Cod. I.6.4°.3 — Ringeck, fol. 25r ff.
- Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig, fol. 28r ff.
- Meyers Fechtbuch 1570, 1570, 2. Buch.