Die vier Hauptstücke nach Liechtenauer

5 Haue, 4 Leger, 4 Versetzen, Nachreisen — das systematische Gerüst

konzeptsystematLiechtenauer

Die systematische Einteilung bei Liechtenauer

Liechtenauers Zettel — die Merkverse, die das System in kondensierter Form enthalten — gliedert das Deutsche Fechtschule mit dem Langen Schwert in vier Hauptstücke:

  1. Fünf Haue: Zornhau, Krumphau, Zwerchau, Schielhau, Scheitelhau — die fünf verborgenen Haue, die zugleich Angriff und Versatz sind.
  2. Vier Leger: Ochs, Pflug, Alber, Vom Tag — die vier Positionen, die den Raum um den Fechter gliedern und die Grundstellung des Fechtens definieren.
  3. Vier Versetzen: Die vier Brechungen — jeder der fünf Haue bricht eine spezifische Aktion oder Hut; die vier Versetzen systematisieren dieses Brechungs-Prinzip.
  4. Nachreisen: Das Verfolgen und Nachstoßen — die konsequente Ausnutzung von Blößen, die im Moment des Hiebwechsels, Schritts oder der Rückführung entstehen.

Diese Gliederung ist die früheste systematische Einteilung der Deutschen Fechtschule und bildet das Gerüst, das alle späteren Glossatoren übernehmen.

Wie hängen diese zusammen?

Die vier Hauptstücke sind keine isolierten Kategorien, sondern operieren in einer dynamischen Wechselwirkung:

  • Der Fechter beginnt in einem der Vier Leger, die den Ausgangspunkt jeder Aktion definieren.
  • Aus dem Leger heraus führt er einen der Fünf Haue, die den Kampf eröffnen und den ersten Austausch strukturieren.
  • Unterwegs oder beim Eintreffen des gegnerischen Angriffs setzt er einen der Vier Versetzen ein — das taktische Brechungsprinzip.
  • War der Angriff erfolgreich oder weicht der Gegner aus, folgt das Nachreisen: der sofortige zweite Angriff, der die entstandene Blöße ausnutzt.

Das System ist so konzipiert, dass jede Aktion eine Folgereaktion des Gegners provoziert, auf die wiederum eine passende Antwort im System existiert. Der Fechter, der alle Hauptstücke beherrscht, kann jede Phase des Kampfs kontrollieren.

Die Glossatoren zu den Hauptstücken

Sigmund Ringeck und Pseudo-Danzig behandeln die Hauptstücke als selbstverständliche Struktur und ordnen ihre Glossen entsprechend — zuerst die Haue, dann die Leger, dann die Nebenstücke. Lew fasst die vier Hauptstücke als die Kunst selbst: “Wer die Haue nicht kann, die Leger nicht versteht, die Versetzen nicht weiß und das Nachreisen nicht übt, der ist kein Fechter.”

Meyer übernimmt die Struktur der vier Hauptstücke im 16. Jahrhundert, erweitert sie aber um seine eigenen Kategorien: die verstohlenen Haue, die Rosen, das Täuschungsfechten. Die Grundarchitektur — Haue, Huten, Brechungen, Nachsetzen — bleibt intakt.

Überblick über das Gesamtsystem

Die Eleganz der vier Hauptstücke liegt in ihrer Vollständigkeit: Sie decken alle taktischen Phasen des Gefechts ab (Vorbereitung → Angriff → Konter → Ausbeuten) und definieren ein geschlossenes System, das den Fechter in jeder Situation handlungsfähig hält. In dieser Systematik liegt die zeitlose Effektivität der Liechtenauerschen Fechtkunst.

Quellen

  • Hs. 3227a — Nürnberger Handschrift (älterer Zettel + Glosse).
  • Cod. I.6.4°.3 — Ringeck.
  • Cod. 44.A.8 — Pseudo-Danzig.
  • Hils, Hans-Peter: Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes. Frankfurt a.M. 1985.
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