Spieß bei Meyer

Meyers System des Spießfechtens: Stoß und Schlag im militärischen Kontext

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Der Spieß als militärische Primärwaffe

Der Spieß ist in Joachim Meyers fünftem Buch der Gründlichen Beschreibung (1570) mit 28 Kapiteln die mit Abstand umfangreichste Stangenwaffe. Meyer stellt den Spieß — einen Langspieß von etwa vier bis fünf Metern Länge, bestehend aus Eschenholzschaft und rhombischer Stahlspitze — als primäre Infanteriewaffe des 16. Jahrhunderts dar. Anders als Langes Schwert und Rappier ist der Spieß keine Fechtschul-Waffe, sondern ein Instrument des Die vier Hauptstücke nach Liechtenauers und des militärischen Dienstes. Meyer schreibt für den bürgerlichen Wehrmann, der in der Formation kämpft und dem die Beherrschung des Spießes das Überleben sichert.

Der Stoß: Primäre Aktion

Der Stoß ist die definierende Aktion des Spießes. Meyer unterscheidet mehrere Stoßvarianten: den geraden Stoß aus der vorderen oder hinteren Hand, den Stoß mit beidhändigem Vorschieben der Stange und den Stoß nach dem Abweisen der gegnerischen Stange. Die Mechanik des Spießstoßes unterscheidet sich fundamental vom Stich mit dem Rappier: Der Spieß wird nicht in der Luft geführt, sondern gleitet durch die führende Hand, während die hintere Hand die Kontrolle behält und den Stoß “mit gantzer macht” beschleunigt. Meyer betont die explosive Ganzkörperbewegung — Schulter, Hüfte und Beine müssen den Stoß tragen, da das Gewicht der Stange eine reine Armbewegung ausschließt.

Der Schlag mit dem Spieß

Neben dem Stoß beschreibt Meyer auch Schläge mit dem Spieß, obwohl dieser keine Axtklinge besitzt. Der Schaft selbst wird als Schlagwerkzeug genutzt — Meyer schildert horizontale Schaftschwünge gegen Kopf und Schultern des Gegners sowie Vertikalschläge, bei denen das hintere Ende der Stange über die Schulter nach vorne geschleudert wird. Diese Schläge sind Überraschungsaktionen: Der Gegner rechnet mit einem Stoß und wird durch einen plötzlichen Schaftschlag destabilisiert oder verletzt. Meyer schreibt: “So magstu ihm auch mit dem hindern theil deines Spießes einen streich geben.”

Das Spieß-winden

Zentral in Meyers Spießlehre ist das Spieß-winden — die direkte Übertragung des Winden am Schwerts auf die Stangenwaffe. Der Fechter führt seinen Spieß am gegnerischen Spieß entlang, windet die eigene Spitze um die gegnerische Stange und bringt sie auf eine Blöße des Gegners, ohne den Kontakt zur gegnerischen Waffe zu verlieren. Meyer betrachtet dieses Prinzip als das taktische Kernstück des Spießfechtens und demonstriert es in mehreren illustrierten Stücken. Das Spieß-winden erfordert exquisite Stangenkontrolle, starke Hände und präzise Distanzbeurteilung — die enorme Hebelwirkung der langen Stange kann den eigenen Ort augenblicklich aus dem Ziel reißen, wenn die Windung unsauber geführt wird.

Quellen

  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 5. Buch, Kap. 1–28.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Spieß-Kapitel.
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