Stangen — Übergang zum Ringen
Nahdistanz-Taktiken: Was geschieht, wenn die Stange zu lang wird

Das Dilemma der Nahdistanz
Die langen Stangenwaffen des 16. Jahrhunderts — der Spieß mit vier bis fünf Metern, die Hellebarde mit etwa zwei Metern — haben ein fundamentales Problem: Sie sind in der Nahdistanz unbrauchbar. Sobald der Gegner die Reichweite der Stange durchbrochen hat, kann der Stangenkämpfer weder stechen noch schlagen. Joachim Meyer behandelt diesen kritischen Moment im fünften Buch der Gründlichen Beschreibung (1570) und gibt dem Stangenkämpfer zwei Handlungsoptionen an die Hand.
Option 1: Die Stange fallen lassen
Meyers erste und radikalste Option lautet, die Stange fallen zu lassen und zum Ringen — Überblick überzugehen. Dies ist keine Kapitulation, sondern ein kalkulierter taktischer Wechsel: Der Stangenkämpfer tauscht die wirkungslos gewordene Primärwaffe gegen seine sekundäre Bewaffnung — den Dolch (siehe Dolch und Ringen (Meyer)) oder die bloßen Hände des Ringers. Meyer schreibt, der Kämpfer solle “die Stang von ihm werffen / und nach seinem Dolchen oder Wehr greiffen”. Diese Anweisung setzt voraus, dass der Stangenkämpfer zusätzlich zur Stange eine Kurzwaffe — einen Dolch oder ein Kurzschwert — am Gürtel trägt, was im 16. Jahrhundert Standard war.
Die Bewegung des Fallenlassens und Waffenziehens muss eine einzige, fließende Aktion sein. Meyer betont die Geschwindigkeit: Während die eine Hand die Stange loslässt, zieht die andere bereits den Dolch, und der Körper geht in die Ringposition. Der Gegner darf keinen Moment der Unbewaffnetheit des Stangenkämpfers ausnutzen können. In der modernen HEMA-Praxis wird dieser Übergang als präzise zu trainierende Sequenz gelehrt.
Option 2: Die Stange als Ringwerkzeug nutzen
Meyers zweite Option ist subtiler: Die Stange wird in ein Ringwerkzeug umfunktioniert. Der Stangenkämpfer greift die Stange in der Mitte des Schaftes — die Länge wird dadurch halbiert — und kann sie als Hebel, Schlagstock oder Stoßinstrument in der Ringdistanz verwenden. Meyer beschreibt, wie der Schaft zwischen die Beine des Gegners gestoßen wird, um diesen zu Fall zu bringen, oder wie die Stange quer vor den Hals des Gegners gelegt und als Hebel zum Werfen eingesetzt wird. Diese Techniken erinnern an Ringtechniken, die bereits Hans Talhoffer in seinen Fechtbüchern zeigt.
Die taktische Antizipation
Meyer betont, dass der Übergang zum Ringen kein Notfall, sondern eine antizipierte Gefechtsphase ist. Der Stangenkämpfer muss von Beginn an wissen, dass der Gegner einlaufen wird, und seinen Übergang vorbereiten. Meyer rät, die Stange nie so fest zu fassen, dass sie nicht im Notfall sofort losgelassen werden kann — “halt deine Stang nit zu steiff” — und die freie Hand stets in der Nähe des Dolchgriffs zu halten.
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 5. Buch.
- Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
- Talhoffer, Hans: Fechtbuch von 1459 (Cod. Thott 290 2°), Stangenwaffen-Abschnitt.