Hellebarde bei Meyer

Axt, Spitze, Haken: Die komplexeste Stangenwaffe in Meyers System

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Die Waffe: Drei Instrumente in einem

Die Hellebarde des 16. Jahrhunderts ist die komplexeste Waffe, die Joachim Meyer in der Gründlichen Beschreibung (1570) behandelt. Sie vereint Spitze, Axtklinge und Haken in einem einzigen Instrument und ermöglicht damit ein taktisches Spektrum, das keine andere Waffe in Meyers System bietet. Der Hellebardier kann stechen wie ein Spießträger, hauen wie ein Axtkämpfer und mit dem Haken gegnerische Waffen, Schilde und Rüstungsteile fangen. Meyer widmet der Hellebarde einen kompakten, aber dichten Abschnitt, der sich nahtlos an seine Spießlehre anschließt und deren Prinzipien erweitert.

Die drei Aktionsmodi

Meyers Hellebardenlehre gliedert sich in drei fundamentale Aktionsmodi, die der Dreifachnatur der Waffe entsprechen. Der Stoß mit der Spitze entspricht dem Spießfechten und nutzt die obere Länge der Hellebarde, die mit ihrer metallenen Spitze einen gefährlichen Stachel darstellt. Meyer betont, dass der Hellebardenstoß — anders als der Spießstoß — das Gewicht der Axtklinge mitträgt und daher eine noch stärkere Hüft- und Beinbewegung erfordert.

Der Schlag mit der Axtklinge ist das charakteristische Element der Hellebarde. Meyer beschreibt Schläge von oben (Oberhau-ähnlich), von der Seite (Mittelhau-artig) und aufsteigende Schläge aus tiefer Haltung. Die Axtklinge der Hellebarde des 16. Jahrhunderts ist länger und schlanker als die spätmittelalterliche Variante; sie ist für Schnitte und tiefe Wunden optimiert, nicht für stumpfes Spalten. Meyer schreibt, der Hellebardier solle den Axtschlag “mit umblauffender schneid” führen — ein Hinweis auf die Rotation der Klinge während des Schlags.

Der Haken schließlich dient dem Fangen und Ziehen. Meyer beschreibt, wie der Hellebardier mit dem Haken den gegnerischen Spieß fängt und zur Seite reißt, den gegnerischen Schildarm packt und den Gegner aus dem Gleichgewicht zieht oder die gegnerische Beinrüstung packt und den Gegner zu Fall bringt. Der Haken wird ferner eingesetzt, um die eigene Hellebarde gegen dieselben Aktionen des Gegners zu sichern, indem man den Haken des Gegners mit dem eigenen blockiert.

Hellebarde gegen Spieß

Eine taktische Besonderheit ist die Begegnung zwischen Hellebarde und Spieß. Die Hellebarde ist kürzer als der Langspieß, was einen Reichweitennachteil bedeutet, den der Hellebardier durch die Vielseitigkeit seiner Waffe ausgleichen muss. Meyer empfiehlt, den ersten Spießstoß mit dem Haken abzufangen und zur Seite zu ziehen — eine Technik, die dem Vier Versetzen im Schwertfechten entspricht —, um dann in die kürzere Distanz einzulaufen, in der die Axtklinge zum Einsatz kommt. “Wann du ihme den stoß also abgefangen / so lauff eilendts zu ihm ein / und schlag ihm mit der Axt.” Diese Taktik ist risikoreich, aber Meyers einzige Handlungsoption für diese asymmetrische Begegnung.

Quellen

  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 5. Buch, Hellebarden-Kapitel.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Hellebarden-Kapitel.
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