Stangen — Stich und Stoß (Meyer)

Stoßvarianten und Stichtechniken der Stangenwaffen bei Joachim Meyer

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Die Dominanz des Stoßes

Im Stangenwaffen-System Joachim Meyers dominiert der Stoß als primäre Angriffsaktion sowohl des Spießes als auch der Hellebarde. Die Länge der Waffe — vier bis fünf Meter beim Langspieß — zwingt zu einer linearen, nach vorne gerichteten Aktion, die den Reichweitenvorteil ausnutzt und den Gegner auf Distanz hält. Meyer betrachtet den Stoß nicht als eine singuläre Technik, sondern als eine Technikfamilie mit mehreren Varianten, deren korrekte Auswahl über Erfolg oder Scheitern in der Begegnung entscheidet.

Stoßvarianten

Meyer unterscheidet mehrere grundlegende Stoßvarianten, die sich in Mechanik und taktischer Intention unterscheiden. Der gerade Stoß ist die einfachste Form: Die Stange wird aus einer der Grundhaltungen, vorzugsweise aus der rechten Haltung mit Spitze vorne, linear in Richtung des Gegners gestoßen. Die vordere Hand führt die Stange, die hintere Hand schiebt nach und kontrolliert die Richtung. Meyer betont, dass die vordere Hand beim Stoß geöffnet wird und die Stange durchgleiten lässt — “laß die Stang durch deine lincke Hand fahren” —, um die maximale Reichweite zu erzielen.

Der Winde-Stoß ist eine komplexere Variante, bei der der Stoß mit einer Rotation der Stange um die gegnerische Stange kombiniert wird. Diese Technik, das Spieß-winden, entspricht konzeptionell dem Winden am Schwert und erfordert präzise Stangenkontrolle. Der Fechter windet seine Spitze um die gegnerische Stange, sodass beide Stangen in Kontakt bleiben, und sticht den Gegner über oder unter der Bindung an.

Der Stoß nach Abweisen folgt einem Parade-Stoß-Muster: Der Fechter weist die gegnerische Stange mit einem kurzen, kräftigen Schlag des eigenen Schaftes zur Seite und stößt unmittelbar danach in die geöffnete Blöße. Meyer stellt diese Sequenz als eine der zentralen Stangen-Stücke dar und betont ihre Effektivität: “Wann du ihm seinen Stoß abgeschlagen hast / so stoß ihm under des zum Gesicht.”

Stichziele bei Stangenwaffen

Meyers bevorzugte Stichziele für den Stangenstoß sind das Gesicht, die Kehle und der Oberkörper des Gegners. Die Höhe der Stangenwaffe gegenüber einem knieenden oder tief stehenden Gegner ist begrenzt; Meyer notiert, dass der Spieß “nit wol under sich kan stechen”. Der Hellebardenstich hingegen kann auch tiefere Ziele treffen, da die kürzere Stange eine flexiblere Winkelführung erlaubt. Die Stärke des Stoßes — Meyer spricht von “gantzer macht” — muss ausreichen, um den Gegner zu durchstoßen oder zumindest aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Quellen

  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 5. Buch.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015, Stangenwaffen-Kapitel.
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