Stangen — Das Gefecht gegen den Spieß

Taktik und Technik gegen den Spießträger im Stangenwaffen-System Meyers

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Die asymmetrische Gefechtslage

Die Begegnung gegen einen Spießträger ist die taktisch anspruchsvollste Konstellation, die Joachim Meyer im fünften Buch der Gründlichen Beschreibung (1570) behandelt. Der Spieß — mit einer Länge von vier bis fünf Metern — dominiert den Kampfraum durch seine extreme Reichweite. Jeder Gegner, der eine kürzere Waffe führt, operiert aus einem permanenten Nachteil: Der Spießträger kann zustechen, bevor der Gegner auch nur in Angriffsdistanz gelangt. Meyer formuliert diese fundamentale Asymmetrie mit militärischer Prägnanz: Der Spieß “hat den vortheil der lenge”.

Einlaufen: Die zentrale Taktik

Meyers universale Handlungsanweisung gegen den Spieß lautet Einlaufen. Der Gegner muss die Distanz, die der Spieß kontrolliert, so schnell durchqueren, dass der Spießträger nur einen Stoß hat — und dieser eine Stoß muss vermieden werden. Meyer beschreibt das Einlaufen als explosive Vorwärtsbewegung, die mit dem ersten — und hoffentlich einzigen — Stoß des Spießträgers synchronisiert ist: “So bald er seinen Spieß herstoßt / so lauff under des zu ihm ein.”

Das Vermeiden des ersten Stoßes erfolgt durch Ausweichen — der Einlaufende wirft den Oberkörper zur Seite oder duckt sich unter der Spitze hindurch — oder durch Abweisen der Spitze mit der eigenen Waffe. Meyer empfiehlt für das Abweisen einen kurzen, kräftigen Schaftschlag gegen die gegnerische Spitze von der Seite, der die Stange des Spießträgers aus der Linie schlägt und gleichzeitig den eigenen Schwung zum Einlaufen nutzt.

Waffenspezifische Taktiken

Die spezifische Taktik hängt von der Waffe des Einlaufenden ab. Der Hellebardier hat die besten Chancen: Er kann den ersten Stoß mit seinem Haken fangen und zur Seite ziehen, bevor er mit der Axtklinge zuschlägt (siehe Hellebarde bei Meyer). Der Schwertkämpfer hingegen ist in der prekärsten Lage: Er muss den Stoß mit Körperbewegung vermeiden, da eine direkte Parade mit dem Schwert gegen einen Spießstoß kaum möglich ist. Meyer empfiehlt dem Schwertkämpfer, nach dem Einlaufen die Stange des Spießes mit der linken Hand zu fassen — “ergreiff ihm seine Stang” —, um dem Spießträger die Waffe zu entwinden oder ihn daran zu hindern, sie zurückzuziehen.

Zwei Spieße gegeneinander

Die symmetrische Begegnung zweier Spießträger schließlich reduziert das Problem auf Technik und Timing. Meyer behandelt diese Konstellation in den vorderen Kapiteln seines Spieß-Abschnitts und beschreibt sie als Kampf der Stangenkontrolle: Wer die gegnerische Stange zuerst aus der Linie drängt und seine eigene Spitze auf die Blöße bringt, gewinnt. Das Spieß-winden ist hier die taktische Schlüsseltechnik.

Quellen

  • Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570, 5. Buch.
  • Forgeng, Jeffrey L.: The Art of Combat. London 2015.
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