Nachreisen
Dem Gegner zur richtigen Zeit folgen

Das Nachreisen ist eines der fortgeschrittensten Konzepte des Liechtenauerschen Systems. Es beschreibt die Kunst, dem Gegner im richtigen Moment zu folgen – sei es in seine Bewegung, in seine Blößen oder an seine Klinge. Es ist eine prinzielle Disziplin des Timings, die den Unterschied zwischen einem mechanischen und einem kämpferischen Fechter markiert.
Liechtenauers Zettel
“Zwey sind nachreisen / treffen zwifach den feinden”
Der Merkvers definiert zwei Arten des Nachreisens und betont deren doppelte Wirksamkeit (“treffen zwifach” – sie treffen auf zweifache Weise). Die zwei Arten des Nachreisens sind: 1) das Nachreisen in der Blöße und 2) das Nachreisen an der Klinge.
Die zwei Arten des Nachreisens
1. Nachreisen in der Blöße
Das Nachreisen in der Blöße geschieht, wenn der Gegner seine Hut wechselt und dabei eine Blöße öffnet, oder wenn er sich aus einer Bindung zurückzieht und eine Öffnung zeigt. Der Fechter muss im selben Augenblick, in dem die Blöße erscheint, nachstossen oder nachschlagen – er “reist nach” in die sich öffnende Blöße. Diese Art des Nachreisens setzt exzellente Wahrnehmung der Vier Blössen und blitzschnelle Reaktion voraus.
2. Nachreisen an der Klinge
Das Nachreisen an der Klinge bedeutet, dem gegnerischen Schwert zu folgen, wenn es sich aus der Bindung löst. Wenn der Gegner abzieht, zurückgeht oder die Seite wechselt, bleibt der Fechter mit seiner Klinge am gegnerischen Schwert und folgt ihm – er lässt nicht los, sondern “klebt” regelrecht an der gegnerischen Klinge, bis sich eine Gelegenheit zum Stich oder Schnitt bietet.
Glossen
Ringeck
Ringeck (Ms. Dresden C 487, fol. 29r-30r) erläutert die zwei Nachreisen ausführlich. Zum Nachreisen in der Blöße schreibt er sinngemäß: Wenn der Gegner seine Hut ändert und eine Blöße gibt, so sollst du sofort dahin stechen oder hauen, bevor er die Blöße wieder schliesst. Zum Nachreisen an der Klinge: Bleib am Schwert und folge ihm überallhin; lass die Klinge nicht ab, bis du eine Möglichkeit zum Treffer findest.
Pseudo-Danzig (Cod. 44.A.8)
[27v.2] Das ist der text vnd die glos von dem nachraisen
Text: „Nachraisen lere / zwifach oder schneid in die were / Zwaÿ eüsserw mÿnne / Der arbait dar nach begÿnne / vnd prüf die gefert / Ob sÿ sind waich oder hert"
Glosa: Merck der nachraisen ist vil vnd manigerlaÿ vnd gehört zw treiben auß häwen vnd aus stichen mit grosser fürsichtigkait gegen den vechterñ die da aus freÿem vnd langen häwen fechten vnd sünst von rechter kunst des swertz nicht wollen halden ~
[27v.3] Das nachraisen treib also
Wenn dw mit dem zw° fechten zw° im ku~pst So stee mit dem lincken fuess vor in der hu°t vom tag vnd sich gar eben was er [28r.1] gegen dir vicht Hawt er dir oben lanck ein so wart das er dich mit dem haw nicht erlang Vnd merck die weil sein swert mit dem haw vndersich gee gegñ der erden So spring zu° mit dem rechtñ füeß vnd haw Im oben ein zw° dem kopff ee wenn er mit dem swert wider auff kumpt So ist er geschlagen ~
[28r.2] Das hernach geschriben stuck das haist die äussere mÿnn
Merck wenn er sich verhaut vnd dw Im nach raistest mit dem haw zw° der plöss vert er denn pald auff mit dem swert vñ kumpt dir vnden an dein swert So pleib starck dar auff Hebt er denn mit dem swert dein swert fast über sich So spri~g mit dem lincken fuess hinder seinen rechten vnd slach Im mit der twer oder
fsünst zw° dem kopff seiner rechtñ seitten vnd arbait pald wider vmb zw° seiner lincken seitten mit dem duplirñ oder sünst mit anderñ stucken Dar nach als dw emphindest ob er waich oder hert am swert ist ~~[28r.3] Hie merck ein guet nachraisen am swert aus vnder häwen
Merck wenn du gegen im vichtest aus vnder hawen oder aus den streichen oder ligst gegen Im In der hu°t die da [28v.1] haist alber Velt er dir denn mit dem swert auff das dein ee wenn du do mit auff kumpst So pleib also mit dem swert vnden an dem seinem vnd heb übersich Wint er dir den am swert den ort ein zw° dem gesicht oder der prust So lass in vom swert nicht ab vnd volg Im dar an nach vnd arbait Im mit dem ort zu° der nagsten plöß Oder slecht er vom swert vmb so volg oder raiß In mit dem ort aber nach als vor
[28v.2] Merck Dw solt aus allen häwen vñ aus allen hu°ttñ im nach raisen als pald dw erkenst wenn er sich von dir verhaut oder emplöst mit dem swert oder wart das du dich mit dem nach raisen selber nicht emplöst noch verhaust vnd das merck zw paiden seitten ~
[29v.2] Hier merck den text vnd die glos Aber von Nachraysen
Text: „Nachraisen zwifach / trift man den alten schnit mit mach"
Glosa: Merck das ist das dw die nachraisen solt treiben zw° paiden seitten vnd des schnitz dar Innen nich ver gessen das vernÿm also Wenn er sich vor dir verhawt es sey von der rechten oder von der lincken seitten So haw Im künlich nach zw° der plöss fert er dann auff vnd pindt dir vnden an das swert So merck als pald ein swert an das ander klitzt So schneid Im Inndes nach dem hals oder val im mit der langen schneid auff sein arm~ vnd schneid vast
Lew
Jud Lew beschreibt das Nachreisen als Antwort auf einen Gegner, der “zeuhet abe” (sich zurückzieht). Er verbindet es mit der Zettel-Lehre von “Slach das er schnappe” – man soll so nachschlagen oder nachstechen, dass der Gegner, der sich zurückzieht, nicht schnell genug parieren kann und ins Leere “schnappt”.
Meyer
Meyer (1570) integriert das Nachreisen als grundsätzliches taktisches Prinzip. Bei ihm bedeutet Nachreisen, dem Gegner immer auf den Fersen zu bleiben, die Distanz zu kontrollieren und auf jede Rückzugsbewegung oder Hutenwechsel mit einem sofortigen Angriff zu antworten. Meyer lehrt, dass der Fechter nie passiv zusehen darf, wenn der Gegner sich bewegt, sondern stets “nachreisen” – d.h. folgen, bedrohen, treffen – muss.
Bedeutung im System
Das Nachreisen ist die taktische Anwendung des Vor Nach Indes. Es nutzt den Moment des “Nach” – wenn der Gegner sich bewegt, eine Blöße öffnet oder abzieht – und verwandelt ihn in ein “Vor”, indem der Fechter sofort zum Angriff übergeht. Das Nachreisen ist das Gegenteil des Abwartens: Es ist eine aktive, aggressive Disziplin, die den Gegner nie zur Ruhe kommen lässt.
In der Praxis
Timing ist der Schlüssel zum Nachreisen. Der Fechter muss das richtige “Fenster” erkennen: den Bruchteil einer Sekunde, in dem die Blöße offen ist oder die Klinge sich löst. Übungen: Partner A steht in einer Hut, wechselt auf Kommando langsam in eine andere; Partner B muss im Moment des Wechsels nachstossen. Steigerung: Partner A wechselt ohne Vorankündigung. Fortgeschrittene Übung: Freies Nachreisen im Sparring – Fokus darauf, Rückzugsbewegungen des Gegners immer mit einem Stich oder Hieb zu quittieren.
Quellen
- Hs. 3227a (Nürnberger Kodex), fol. 21r
- Cod. 44.A.8 (Danzig), fol. 21v-22v
- Ringeck, Ms. Dresden C 487, fol. 29r-30r
- Jud Lew, Cod. I.6.4.3, Augsburg
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung, 1570
Sekundärliteratur
- Hagedorn, Dierk (Hrsg.): Peter von Danzig. Herne 2008.
- Tobler, Christian Henry: In Saint George’s Name. Wheaton 2010.