Abziehen
Der Abzug — das sichere Lösen vom Gegner

Zwei Bedeutungen
Das Abziehen (auch: der Abzug) trägt in der Deutschen Fechtschule zwei verwandte, aber unterscheidbare Bedeutungen:
- Der Abzug als Phase des Gefechts (Meyer): das geordnete, sichere Lösen vom Gegner nach einer Aktion — wie der Fechter sich „one schaden" (ohne Schaden) aus der Bindung zurückzieht.
- Das Abziehen des Gegners (mittelalterlich): das Zurückweichen des Gegners — „wer sich vor dir zeuhet abe" — das den Moment für das Nachreisen eröffnet.
Meyers Abzug: Anfang – Mittel – Ende
Joachim Meyer systematisiert das Abziehen als festen Bestandteil seiner Dreiteilung jedes Fechtstücks. Der verbatim Text (Gründtliche Beschreibung, 1570, 1. Buch):
Dises kan fürnemlich in drey theil füglich und wol getheilt werden, Nemlich in den Anfang, das Mittel und das Ende, welche drey theil in einem jeden stuck, welches du zu Fechten fürnimest, sollen un müssen eigentlich in acht gehabt werden, das du nemlich wissest mit was häuwen aus oder von den Legern du dein gegenpart angreiffen wöllest, als dan so du in angriffen, wie du ihm ferner im Mittel mit der handarbeit, frey fliegent zu den Blössen arbeiten, dein Vor so du im angriff ereilt zuerhalten. Zum letsten wie du füglich und wol, wo nit mit seinem schaden doch ohn dein verletzung von ihm abziehen mögest.
Den Anfang, nun nenne ich das zufechten, wann einer gegen dem Man, den er vor sich hat, zuficht. Das Mittel die beyarbeit oder handarbeit, wann einer im bundt oder lenger in seiner arbeit wider den gegenfechter verharret, und ihm mit aller geschwindigkeit zusetzet. Das ende den abzug, wie sich der Fechter von seinem gegenpart one schaden ab unnd weg hauwen möge.
Das abziehen am ende, fleußt auß dem Mittel, und hat in der Practicken grossen nutz, derwegen zu ende eines jeden stucks, von darauff gehörendem Abzug, ordenlich soll bericht beschehen, und soll dises alles im ersten theil vom Schwerdt Fechten volricht werden, von Meisterstucken aber, und was zu mehrer behendigkeit zu diser Wehr dienstlich, damit diß Buch beide den anfangenden schulern, und demnach auch den mehr erfahrnen diser kunst nutzlich sein möchte, soll im andern theil weitleuffiger und gnugsamer bericht beschehen.
Meyers Gliederung ist damit:
- Anfang = das Zufechten (Angreifen aus den Legern)
- Mittel = die Handarbeit (Arbeit in der Bindung, zu den Blössen)
- Ende = der Abzug (sicheres Lösen und Weggehen)
Das Abziehen „fleußt aus dem Mittel" — es ist nicht Willkür, sondern die logische Fortsetzung der Bindung: Wer getroffen oder in eine Sackgasse geraten ist, löst sich geordnet, statt zu verharren.
Das Abziehen des Gegners (mittelalterlich)
Der Zettel kennt das Abziehen als Aktion des Gegners — im Sprechfenster-Vers:
Slach das er schnappe / wer sich vor dir zeuhet abe
Wer sich vor dir abzieht (zurückweicht), dem gilt die Drohung. Dieses Zurückweichen öffnet eine Blöße, die das Nachreisen bestraft: Das Nachreisen ist die unmittelbare Antwort auf das Abziehen des Gegners.
Bedeutung in der Praxis
In der modernen HEMA-Praxis ist der Abzug ein zentrales Sicherheits- und Taktikkonzept:
- Sicheres Lösen: Nach einem Treffer oder einer gescheiterten Aktion zieht sich der Fechter nicht unkontrolliert zurück, sondern hält die Spitze drohend, bis er außerhalb der Reichweite ist. Der Abzug verhindert den Nachstoß des Gegners.
- Der Abzug als Strafaktion: Wer sich nachlässig abzieht, wird durch das Nachreisen des Gegners getroffen. Im Training wird der saubere Abzug deshalb ebenso geübt wie der Angriff selbst.
- Abzug vs. Flucht: Der Abzug ist nicht Rückzug aus Angst, sondern eine kontrollierte, drohende Bewegung — „one schaden" (ohne eigenen Schaden), wie Meyer betont.
Verwandte Konzepte
- Äusseres vs Inneres Fechten — der Abzug als Rückkehr vom inneren ins äußere Fechten
- Nachreisen — die Bestrafung des unsauberen Abziehens
- Zucken — die kurze, ruckartige Rückzugsbewegung der Klinge (verwandt, aber nicht identisch)
- Sprechfenster und Fühlen — das Abziehen des Gegners als taktische Information
Quellen
- Meyer, Joachim: Gründtliche Beschreibung der freyen ritterlichen und adelichen Kunst des Fechtens, Straßburg 1570, 1. Buch.
- Liechtenauer, Zettel (Sprechfenster-Vers).